Artikel mit dem Tag "Delgado"
Na, meine Lieben? Habt ihr euch auch schon aus dem Winterschlaf gequält? Ich spreche natürlich nicht von euch – ich weiß, ihr seid alle knallharte Ganzjahres-Pendler, die Eisregen zum Frühstück fressen. Ich spreche von euren Fahrrädern. Jenen bemitleidenswerten Geschöpfen, die die letzten vier Monate im dunklen Keller oder – Gott bewahre – auf dem zugigen Balkon verbracht haben und nun aussehen, als hätten sie eine Statistenrolle in einem Endzeit-Film ergattert.
Meine Lieben, es ist so weit. Ich stehe hier an meinem Fenster, blicke auf mein treues Carbon-Ross und spüre eine Träne der Rührung in meine Espresso-Tasse kullern. Wir schreiben den heutigen Tag, und die Fahrradwelt, wie wir sie kennen – schmierig, rasselnd und wunderbar mechanisch – wurde soeben beerdigt.
Na, meine Lieben? Habt ihr euch auch schon mal gefragt, ob der technologische Fortschritt nicht manchmal einfach nur eine perfide Verschwörung gegen unsere ehrliche, muskelbetriebene Eitelkeit ist?
Ach, meine Lieben! Der Frühling! Die Sonne kitzelt die Nasenspitze, die Vögel zwitschern – und in den Tiefen des männlichen (und, seien wir ehrlich, manchmal auch weiblichen) Fahrrad-Herzens regt sich wieder dieses unstillbare Verlangen. Nein, ich spreche nicht von der großen Liebe, nicht von der Romantik, die uns auf zwei Rädern durch die Welt tragen soll. Ich spreche vom neuen Carbon-Teil.
Manchmal frage ich mich, wie wir früher eigentlich Rad gefahren sind. Also so ganz ohne 4K-Drohnenbegleitung, farblich auf den Rahmen abgestimmte Bio-Riegel und eine Community, die jeden gefahrenen Meter mit einem digitalen Herzchen quittiert. Wer heute auf zwei Rädern unterwegs ist, scheint oft weniger am Vortrieb als an der perfekten Belichtung der Wadenmuskulatur interessiert zu sein.
Da sitzen wir nun am Dienstagmorgen. Vorgestern Abend ist in Verona das olympische Feuer erloschen, die italienischen Tenöre haben ihr letztes „Vincerò“ geschmettert, und plötzlich wirkt mein Wohnzimmer seltsam leer. Zwei Wochen lang habe ich so getan, als verstünde ich die physikalischen Feinheiten des Curlings und als wäre Skibergsteigen die einzig logische Antwort auf alle Mobilitätsfragen der Menschheit.
Es ist bald wieder diese Zeit im Jahr, in der gestandene Erwachsene vor einer gefrästen Aluminium-Nabe in Schnappatmung verfallen, als hätten sie gerade das Bernsteinzimmer im Keller eines Düsseldorfer Industriebaus entdeckt. Vom 20. bis 22. März verwandelt die Cyclingworld Europe das Areal Böhler wieder in das Mekka derer, für die „Kette rechts“ keine politische Gesinnung, sondern ein Lebensentwurf ist.
Jedes Jahr das gleiche Spiel: So ein verkackter Mist! Jetzt müssen wir da schon wieder hin! Soll ich denn schon wieder Räder ordern?! Und dann gibt es noch nicht mal was Spannendes zu sehen! Und der Laden?! Wer kümmert sich um den Laden?! Ohne mich läuft hier doch gar nix!“ So oder so ähnlich lamentiert mein Mann Greg jedes Jahr, kurz bevor wir zur Eurobike fahren.
Als vorbildlicher Verkäufer fährt man eigentlich nur Marken aus dem eigenen Sortiment. Aber wenn keiner hinguckt, muss man kein Vorbild sein.
Wie erlebt eigentlich ein Händler seine Kunden?
Greg Delgado beschreibt seinen Alltag als Fahrradhändler. Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden. Zumindest behauptet das der Autor.