
Manchmal frage ich mich, wie wir früher eigentlich Rad gefahren sind. Also so ganz ohne 4K-Drohnenbegleitung, farblich auf den Rahmen abgestimmte Bio-Riegel und eine Community, die jeden gefahrenen Meter mit einem digitalen Herzchen quittiert. Wer heute auf zwei Rädern unterwegs ist, scheint oft weniger am Vortrieb als an der perfekten Belichtung der Wadenmuskulatur interessiert zu sein. Willkommen in der Ära der Fahrrad-Influencer, wo das Schaltwerk erst dann wirklich glänzt, wenn der passende Filter darüberliegt.

Da sitzen wir nun am Dienstagmorgen. Vorgestern Abend ist in Verona das olympische Feuer erloschen, die italienischen Tenöre haben ihr letztes „Vincerò“ geschmettert, und plötzlich wirkt mein Wohnzimmer seltsam leer. Zwei Wochen lang habe ich so getan, als verstünde ich die physikalischen Feinheiten des Curlings und als wäre Skibergsteigen die einzig logische Antwort auf alle Mobilitätsfragen der Menschheit. Ich habe mit Athleten mitgelitten, die sich in hautengen Anzügen Eiskanäle hinunterstürzen, bei denen mir schon beim Zuschauen der Ischiasnerv freundlich „Guten Tag“ sagt.

Es ist bald wieder diese Zeit im Jahr, in der gestandene Erwachsene vor einer gefrästen Aluminium-Nabe in Schnappatmung verfallen, als hätten sie gerade das Bernsteinzimmer im Keller eines Düsseldorfer Industriebaus entdeckt. Vom 20. bis 22. März verwandelt die Cyclingworld Europe das Areal Böhler wieder in das Mekka derer, für die „Kette rechts“ keine politische Gesinnung, sondern ein Lebensentwurf ist.
Jedes Jahr das gleiche Spiel: So ein verkackter Mist! Jetzt müssen wir da schon wieder hin! Soll ich denn schon wieder Räder ordern?! Und dann gibt es noch nicht mal was Spannendes zu sehen! Und der Laden?! Wer kümmert sich um den Laden?! Ohne mich läuft hier doch gar nix!“ So oder so ähnlich lamentiert mein Mann Greg jedes Jahr, kurz bevor wir zur Eurobike fahren.
Als vorbildlicher Verkäufer fährt man eigentlich nur Marken aus dem eigenen Sortiment. Aber wenn keiner hinguckt, muss man kein Vorbild sein.
Wie erlebt eigentlich ein Händler seine Kunden?
Greg Delgado beschreibt seinen Alltag als Fahrradhändler. Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden. Zumindest behauptet das der Autor.