Weil es Sonntage gibt (Von Gisela Delgado)

Jedes Jahr das gleiche Spiel: So ein verkackter Mist! Jetzt müssen wir da schon wieder hin! Soll ich denn schon wieder Räder ordern?! Und dann gibt es noch nicht mal was Spannendes zu sehen! Und der Laden?! Wer kümmert sich um den Laden?! Ohne mich läuft hier doch gar nix!“ So oder so ähnlich lamentiert mein Mann Greg jedes Jahr, kurz bevor wir zur Eurobike fahren.

Und vor Ort ist die Stimmung dann nicht anders. Extrem kurz angebunden, nimmt er sich eigentlich nur Zeit, um alles schlecht zu machen, was ihm vorgestellt wird. Dann watscht er Laufräder und Schaltsysteme ab, schüttelt den Kopf über Sattelstützen oder Helme: Braucht doch keiner! Kenn ich schon! Das gab es doch schon mal! Was soll das kosten?! Ihr spinnt! Das machen die anderen aber besser – den Kaffee übrigens auch! Und überhaupt, wer bist du denn überhaupt?! Wo ist denn der Herr XY, der mich sonst immer betreut?!

 

Egal ob Fahrradketten, Trinkflaschen oder Zeitfahrräder, egal ob Merida, Shimano oder Kind Shock, das Spiel wiederholt sich an jedem Stand. Und mit Blick darauf, dass es sich Jahr für Jahr wiederholt, grenzt es eigentlich an ein Wunder, dass bei uns im Laden Fahrräder stehen, die mehr als einen Gang haben, und dass Sturzringe aus unseren Regalen schon seit Jahrzehnten verschwunden sind.

 

 

Alles für die große Bühne

 

Und wieso ist das so?! Weil es Sonntage gibt! Und an Sonntagen treffen sich Kunden und Freunde zu einer Radtour, die bei uns am Laden startet.

So auch an diesem Sonntag in der Mitte des Oktobers. Die Eurobike gerade ein paar Wochen vergangen, hebt sich unser Rolltor der Warenanlieferung für meinen Mann wie ein Vorhang, um seine Bühne ins Rampenlicht zu tauchen.

Und auf die tritt er hinaus: pfauenartig, bin ich fast geneigt zu sagen; bereit, beim Publikum, das sich in dem kleinen Rondell versammelt hat, wo für gewöhnlich die Transporter wenden, für schmachtende Blicke, zitternde Hände und Stürme der Begeisterung zu sorgen.

 

Durch das gekippte Küchenfenster höre ich, wie Greg sich brüstet und stolz seine neuesten Errungenschaften präsentiert:

„Jap, das ist ganz neu! Ne, ne, keine Chance. Okay, ich schau mal was ich machen kann. Funktioniert tadellos. Jup, klar, ist nicht ganz billig! Aber das gab es halt auch noch nie! Ne, ne, das haben echt nur die! Ne, das kannst DU noch nicht kaufen. Ich habe Testmuster bekommen, weil halt guter Kunde – und okay, klar, man kennt sich halt auch. Und einen Kaffee haben die, ich sage euch …“

 

Und dann rollen sie davon, ihre Stimmen werden immer leiser, verklingen allmählich im sanften Morgennebel so lange, bis ich die Gruppe schließlich nicht mehr hören kann.

 

Dann laufe ich gähnend auf die Couch zu, lege mich lang und länger, und bin froh, dass er glücklich ist.

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