Meine Lieben, es ist so weit. Ich stehe hier an meinem Fenster, blicke auf mein treues Carbon-Ross und spüre eine Träne der Rührung in meine Espresso-Tasse kullern. Wir schreiben den heutigen Tag, und die Fahrradwelt, wie wir sie kennen – schmierig, rasselnd und wunderbar mechanisch – wurde soeben beerdigt.
Haben Sie es schon gehört? Die EU-Kommission hat in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die „Direktive zur stofflichen Minimierung von Antriebssträngen“ verabschiedet. Ab heute sind Ketten, Riemen und – Gott bewahre – sogar Kardanwellen offiziell „Legacy-Technologie“. Das Zauberwort der Stunde heißt: Magnet-Induktions-Vortrieb (MIV).
Gestern war ich noch bei meinem Mechaniker des Vertrauens, dem guten alten Kalle. Er hielt einen winzigen, blinkenden Magnet-Chip in der Hand und schüttelte fassungslos den Kopf. „Gisela“, murmelte er, „das ist das Ende. Keine schwarzen Finger mehr, kein Kettenfett-Tattoo an der rechten Wade. Nur noch Software-Updates für die Kniegelenke.“
Das Prinzip ist so simpel wie revolutionär: In unsere Pedale werden Neodym-Gegenlager gefräst, die direkt mit den Magnetfeldern der Erdkruste interagieren. Je schneller wir kurbeln, desto stärker die Induktion. Wie ich immer zu predigen pflege: „Wer rastet, der rostet – aber wer induziert, der hat den Schmierkram hinter sich!“
Die Vorteile liegen auf der Hand: 100 % wartungsfrei, 0 % Reibungsverlust und eine Gewichtsersparnis, die selbst den magersüchtigsten Bergfloh vor Neid erblassen lässt.
Aber wo bleibt das Drama? Wo bleibt das triumphale Klonk, wenn man die Gänge hineinhaut? Wenn ich jetzt am Berg einen Gang „hochschalte“, ändert sich lediglich die Frequenz meines Bluetooth-Signals. Das fühlt sich an, als würde man versuchen, ein Steak per App zu kauen.
Natürlich gibt es Kinderkrankheiten. Die ersten Testberichte flüstern von ungewollten Nebeneffekten: Wer zu nah an einer Straßenbahn-Schiene fährt, wird plötzlich mit 40 km/h in Richtung Depot gesaugt. Und mein Nachbar behauptet steif und fest, dass sein Wadenhaar seither nur noch im Uhrzeigersinn wächst.
Doch lassen wir die Kirche im Dorf. Wir haben die Einführung der Scheibenbremse überlebt, wir haben das E-Bike-Lächeln ertragen, wir werden auch den kettenlosen Vortrieb meistern. Die Zukunft ist sauber, lautlos und ein klein wenig unheimlich. Ich für meinen Teil werde heute Abend trotzdem noch einmal ganz zärtlich mein WD-40 streicheln – nur für das Gefühl von früher.
Ihre Gisela Delgado

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