Darf man nur fahren, was man verkauft? 

Als vorbildlicher Verkäufer fährt man eigentlich nur Marken aus dem eigenen Sortiment. Aber wenn keiner hinguckt, muss man kein Vorbild sein. 

Endlich Winter! Wer das sagt, der kann kein Radfahrer sein, werden jetzt viele denken. Und ja, ich fahre grundsätzlich auch lieber bei 22 Grad im Schein der Sonne Rad, als rund um den Gefrierpunkt in der Dämmerung. Und trotzdem: Neben den „schönen“ Momenten, wie z.B. dem beruhigenden Gefühl, wenn man zu Hause angekommen ist, dass die Zehen ja doch nicht abgefroren sind, oder der Freude darüber, dass man endlich mal der Stärkste beim Radtreff ist,...


...weil halt auch der einzige, gibt es für mich einen weiteren Grund, warum ich im Winter gerne aufs Rad steige. Vorweg (bevor am Ende geschimpft wird, wie kann er nur oder das geht doch nicht): Ich bin von den Produkten, die ich verkaufe, überzeugt. Und weil ich das meinen Kunden beweisen möchte, fahre ich natürlich und gerne nur mit den Marken durch die Landschaft, die ich im Programm habe. Etwas anderes wäre meinen Kunden gegenüber ja auch eigentlich nicht vertretbar. Und trotzdem steht im Satz zuvor ein „eigentlich“…

Die Ausnahme von der Regel
Wenn es Winter wird, werde ich meinem Port-folio untreu. Wenn der eisige Atem von Väterchen Frost Produkt-Zwänge von mir haucht, weil ich dann häufig als Solist auf dem Rad unterwegs sein kann, wage ich es, ein Produkt zu tragen, von dem ich nur Alternativen verkaufe. Aber was heißt alleine, sie ist dann bei mir, begleitet mich seit Dekaden Winter für Winter. Sie hat allen Membranen, Reißverschlüssen, Täschchen, Polstern und Trends getrotzt, hat den sinnigen und unsinnigen Ideen der Fahrradindustrie widerstanden, hat mit mir gefroren und gehungert und gelitten, hat also die schlimmsten Erinnerungen mit mir geteilt, ja durch sie wurden meine schlimmsten Erfahrungen eigentlich erst möglich – ist also praktisch fast eine Ehefrau. Sie ist die Konstante in meinem Radfahrerleben. Es gibt inzwischen bessere, aber ich will davon nichts wissen. Es gibt für andere schönere, aber ich will diese gar nicht erst sehen. Wir sind füreinander gemacht, das weiß ich. Sie ist die erste, die ich hatte, wir haben uns in über zwanzig Jahren aufeinander eingestellt. Sie ist meine erste und einzige, sie ist die Thermohose, von der ich mich niemals trennen werde. Werft keine Steine, ich liebe nur diese eine.

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Kommentare: 1
  • #1

    Nora (Montag, 09 November 2015 09:49)

    Das ist doch in Ordnung, wenn man eine derart ausgeprägte Vorliebe für eine mutmaßlich abgeliebte, überalterte aber eben auch alle Winter überdauernde und treue Seele von Thermohose hat.
    Mir sind alle nicht ganz so schicken, aber dafür kältebewussten Radler lieber als die, die sich jedes Jahr diverse neue Sportoutfits zulegen, die sie dann doch nur für drei Tage anlegen, da der Winter eben kalt ist. Wobei einem Fahrradhändler eigentlich genau dieses Verhalten seiner Kundschaft am liebsten sein dürfte, oder Herr Delgado?