Risse im Lenker: Lidl-Pedelec fällt bei Stiftung Warentest durch – Sachverständiger schlägt Alarm

Es ist das schlechteste Ergebnis im aktuellen Pedelec-Test von Stiftung Warentest: Das Lidl Crivit Urban X.3 erhält als einziges von zehn geprüften Urban-Pedelecs das Urteil „Mangelhaft" – mit der Note 5,0. Der Grund ist kein Komfortproblem, keine schwache Akkuleistung und kein schlechtes Fahrgefühl. Es sind Risse im Lenker. Und die sind nach Einschätzung eines Sachverständigen alles andere als eine Kleinigkeit.

Was Stiftung Warentest gefunden hat

Im Dauerhaltbarkeitstest bildeten sich Risse an einer Bohrung im Lenker des Crivit Urban X.3 – konkret im Bereich des Kabelauslasses. Stiftung Warentest bewertet das als sicherheitsrelevanten Befund und stuft das Gesamturteil entsprechend auf „mangelhaft“ ab.

Das ist bemerkenswert, denn in den übrigen Testkategorien – Fahren, Antrieb, Handhabung – erzielte das rund 1.699 EUR teure Pedelec noch gute Bewertungen. Der Lenker hat das Ergebnis zerstört. Und das aus gutem Grund.


Sachverständiger: „Ein klassischer Hinweis auf unzureichende Ermüdungsauslegung“

Ernst Brust, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Mikromobilität, ordnet den Befund klar ein:

„Der im Test festgestellte Riss im Lenker eines Pedelecs ist als eindeutig sicherheitskritischer Befund zu bewerten. Der Lenker gehört zu den primären tragenden und sicherheitsrelevanten Bauteilen, über die der Fahrer unmittelbar die Kontrolle über das Fahrzeug ausübt."

Brust erklärt, dass bei Fahrrädern und Pedelecs bestimmte Bauteile besonders kritisch sind: Lenker, Vorbau, Gabelschaft, Pedale, Kurbel, Sattel und Sattelstütze. Diese direkten Kontaktstellen zwischen Mensch und Maschine müssen dauerhaft betriebsfest sein – ein Versagen führt häufig ohne Vorwarnung zum Kontrollverlust.

 

Zur Art der Rissbildung sagt Brust:

„Eine Rissbildung im Bereich konstruktiver Kerben, etwa an Bohrungen, ist ein klassischer Hinweis auf unzureichende Auslegung gegen Ermüdung. Ein Lenkerbruch führt nicht zu einem Komfortproblem, sondern zu einem unmittelbaren Sturzrisiko."


Lidls Reaktion: Garantieverlängerung auf zehn Jahre

Laut Stiftung Warentest hat Lidl auf den Befund reagiert – allerdings nicht mit einem Rückruf, sondern mit einer Garantieverlängerung. Die Garantie für das Pedelec wurde unter anderem für Material- und Verarbeitungsfehler an Lenkern auf zehn Jahre ausgedehnt. Außerdem verwies Lidl darauf, dass Kräfte auf Prüfaufbauten im Labor anders wirken könnten als im realen Fahrbetrieb.


Sachverständiger: Garantieverlängerung reicht nicht

Brust hält diese Reaktion für unzureichend:

„Bei einem solchen Befund ist eine technische Gefährdungsbewertung zwingend erforderlich. Je nach Ergebnis können Maßnahmen bis hin zu einem sicherheitsrelevanten Rückruf notwendig werden."

Eine Garantieverlängerung adressiert den Schaden nach dem Bruch – nicht das Risiko davor. Wer mit einem gerissenen Lenker stürzt, hat von einer verlängerten Garantie nichts mehr.


Das strukturelle Problem dahinter

Der Fall zeigt laut Brust ein grundsätzliches Problem im Urban-Pedelec-Segment: Räder werden häufig auf Design, Preis und Gewicht optimiert. An sicherheitsrelevanten Bauteilen – Lenker, Vorbau, Gabel, Bremsen – darf es jedoch keine Kompromisse geben. Integrierte Kabelführungen durch den Lenker, wie beim Crivit Urban X.3, sind optisch attraktiv, schaffen aber konstruktive Kerben – und genau dort entstehen Ermüdungsrisse.


Was Käuferinnen und Käufer jetzt tun sollten

Wer das Lidl Crivit Urban X.3 besitzt, sollte den Lenker umgehend auf sichtbare Risse – insbesondere im Bereich von Bohrungen und Kabelauslässen – überprüfen lassen. Im Zweifel: Rad nicht nutzen, bis ein Fachbetrieb das Bauteil begutachtet hat.


Fazit

Das Lidl Crivit Urban X.3 ist nicht wegen schwacher Fahreigenschaften durchgefallen, sondern wegen eines sicherheitskritischen Strukturproblems. Risse am Lenker sind bei einem Pedelec kein Bagatellmangel – sie sind ein Hinweis auf mögliches Versagen an der unmittelbaren Mensch-Maschine-Schnittstelle. Der Test von Stiftung Warentest hat das aufgedeckt. Was jetzt folgen muss, ist eine technische Gefährdungsbewertung – nicht nur eine Garantieverlängerung.

 

 

Mehr Informationen zum Test: www.test.de | Sachverständiger: www.velotech.de

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