85 Nm, 95 Nm, 120 Nm – die Drehmomentwerte von E-Bike-Mittelmotoren klettern von Saison zu Saison. Was auf dem Datenblatt nach Fortschritt aussieht, hält Ernst Brust, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Mikromobilität, für eine technische Fehlentwicklung mit absehbaren Folgen. Seine Kritik richtet sich nicht gegen einzelne Hersteller – sondern gegen die gesamte Branche.
Das Problem: Motoren wachsen, Komponenten nicht
Der Kern von Brusts Argumentation ist technisch nachvollziehbar: Mittelmotoren mit immer höheren Drehmomentwerten erzeugen Lastspitzen, für die klassische Fahrradkomponenten schlicht nicht konstruiert wurden. Besonders betroffen sind Freiläufe, Klinkensysteme, Kassetten, Hinterradnaben und Ausfallenden – Bauteile, die sich in ihrer Grundkonstruktion seit Jahrzehnten kaum verändert haben.
Die Folgen, die Brust beschreibt, sind in der Werkstattpraxis bereits bekannt: erhöhter Verschleiß, Überspringen unter Last, Geräuschentwicklung, Spiel im Antriebsstrang – und in schlimmeren Fällen handfeste Schäden am Hinterradantrieb.
„Die Branche hat sich in ein technisches Wettrüsten hineingesteigert. Immer größere Drehmomentzahlen mögen sich auf dem Datenblatt gut lesen, sie schaffen aber massive Zusatzbelastungen für Freiläufe, Klinkensysteme, Kassetten und Hinterräder. Das ist kein Fortschritt, sondern eine absehbare Fehlentwicklung."
Ernst Brust, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Mikromobilität
Beschleunigung als unterschätzter Faktor
Brust legt in seiner Analyse auch gutachterliche Orientierungswerte für die Beschleunigung von Pedelecs vor. Für EPAC/Pedelecs bis 25 km/h nennt er einen Rahmen von 0,5 bis 1,2 m/s² als sachgerecht. Leistungsstarke Mittelmotor-Konfigurationen können unter idealisierten Bedingungen deutlich darüber liegen. Als sicherheitsorientierten Richtwert schlägt er eine Begrenzung auf 0,835 m/s² bis 25 km/h vor.
Das ist ein konkreter Ansatz – und einer, der in der Branche bislang wenig Widerhall findet. Ob er regulatorisch umsetzbar wäre und wie Hersteller darauf reagieren würden, bleibt offen.
Forderung: Systemverträglichkeit statt Rekordwerte
Brust fordert ein Umdenken – sowohl bei Herstellern als auch auf regulatorischer Ebene. Nicht der Motor mit der höchsten Zahl solle im Mittelpunkt stehen, sondern das Gesamtsystem, das unter realen Bedingungen dauerhaft funktioniert und sicher bleibt.
„Wir müssen weg vom Watt- und Newtonmeter-Wettrüsten. Entscheidend ist nicht die größtmögliche Zahl im Prospekt, sondern ein technisch sauberes, sicheres und kontrollierbares Fahrverhalten. Pedelecs brauchen vernünftige fahrdynamische Grenzen – nicht immer neue Eskalationsstufen beim Drehmoment."
Ernst Brust
Konkret fordert er, dass Hersteller künftig belastbar nachweisen müssen, dass alle beteiligten Komponenten – von der Kassettenschnittstelle über den Freilauf bis zum Ausfallenden – den tatsächlich entstehenden Belastungen dauerhaft standhalten.
Einordnung: Berechtigt – aber einseitig
Brusts Analyse benennt ein reales Problem, das in der Branche zunehmend diskutiert wird. Die Frage der Systemverträglichkeit zwischen immer stärkeren Antrieben und den übrigen Komponenten ist nicht neu – aber sie wird selten so klar und öffentlich adressiert.
Was die Pressemitteilung schuldig bleibt: konkrete Daten zu Schadenshäufigkeiten, ein Vergleich verschiedener Motorkonzepte oder eine Stellungnahme der genannten Hersteller wie Bosch oder Avinox. Die Argumentation ist technisch plausibel – sie bleibt aber vorerst die Perspektive eines einzelnen Sachverständigen. Wie die Hersteller auf diese Kritik reagieren, wäre eine interessante Weiterführung dieser Debatte.
Fazit: Ernst Brust stellt unbequeme Fragen – und das ist gut so. Ob das Drehmoment-Wettrüsten tatsächlich in eine technische Sackgasse führt, werden letztlich Werkstattdaten, Schadensfälle und unabhängige Langzeittests zeigen. Die Debatte ist längst überfällig.
Mehr Informationen unter: www.velotech.de

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Peter Gelderblom (Dienstag, 21 April 2026 13:49)
.....wenn mit immer höheren Werten geworben wird....sollte man verstärkt sein kritisches Hirn einsetzen ...
Fahrrad Herbst GmbH (Dienstag, 21 April 2026 14:30)
So ist es! Winzige Sperrklinken gegen brachiale Drehmomente - immer spezifischer auftretende Defekte bei Freiläufen, Hinterradlagern, aber auch Ketten/Cassetten - gerade bei E-Bikes. Linexo zahlt ja, aber wie lange noch?
Dirks Fahrräder (Dienstag, 21 April 2026 14:34)
Wir sind Fahrradhändler,
wir hatten schon bei 85 Nm bei Männern starke Abnutzungen.
Dann kam 100 Nm , es wird immer schlimmer, vorallem bei Schaltfaulen Pedalierer.
Aber bei 125Nm ich weiß nicht wo das hingehen soll , alle 800 km die Kette tauschen, wenn es reicht.
Man sollte das ganze Thema wohl reduzieren und einschränken.
Dirk Albrecht
Fabian Bodem (Dienstag, 21 April 2026 15:12)
Ich vertrete die Meinung, dass der Markt das schon regelt. Wenn die Abnutzungen so groß sind, dass es bald keiner mehr kauft weil der Unterhalt zu teuer wird, dann werden die Hersteller schon nachziehen. 130Nm machen aber auch einfach richtig Spaß und wenn ich bereit bin den Verschleiß in Kauf zu nehmen, warum nicht?
Fabian Bodem