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ZIV-Geschäftsführer S. Neuberger im Gespräch mit Velototal: Das Fahrrad ist elementarer Bestandteil der Mobilitätswende

Bild Cargobike: Lastenräder können künftig mit den neuen Bosch eBike Systems-Antrieben Drive Unit Cargo (25 km/h) und Cargo Speed (45 km/h) ausgestattet werden.
Bild Cargobike: Lastenräder können künftig mit den neuen Bosch eBike Systems-Antrieben Drive Unit Cargo (25 km/h) und Cargo Speed (45 km/h) ausgestattet werden.

Es wird derzeit in Deutschland geradelt was die Batterie hergibt. Das Segment eBike ist innerhalb eines Jahres um 36 % gewachsen. Gute Aussichten für den Handel, denn das dynamische Wachstum verspricht stabile Preise, wie Siegfried Neuberger, Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbands, im Gespräch mit VeloTotal Business erklärt. Um den Erfolg der Fahrradmobilität nachhaltig zu gestalten, ist die Politik gefordert, eine umfangreiche und sichere Radinfrastruktur aufzubauen. Im Fokus muss dabei vor allem das Cargo-Bike stehen, dem die diesjährige Eurobike viel Aufmerksamkeit schenken wird.  

Siegfried Neuberger, Geschäftsführer ZIV
Siegfried Neuberger, Geschäftsführer ZIV // ©ZIV

Herr Neuberger, das eBike wie auch das Pedelec werden landläufig als Lifestyle-Produkte gepriesen. Aber wäre es nicht verantwortlicher, beim elektrifizierten Fahrrad von einem elementaren Bestandteil der Mobilitätswende zu sprechen?

Sicher. Wir sehen das auch so und sprechen ebenfalls von einem wichtigen Instrument für die Verkehrswende. Aber wir müssen auch die Aspekte Lifestyle, Fashion, Sport, Gesundheit, Fitness ins Spiel bringen. Bedenken Sie, dass es noch sehr viele Menschen gibt, die sich vor allem erst durch solche Argumente überzeugen lassen, aufs Rad umzusteigen. Das Thema Nachhaltigkeit ist meiner Ansicht nach nur begrenzt dafür geeignet. 

 

Dafür reagiert die Politik auf Nachhaltigkeit wesentlich rascher als auf Lifestyle-Argumente, um grundlegende verkehrspolitische Entscheidungen zu treffen?

Auf jeden Fall. Deshalb meiden wir gegenüber der Politik auch solche „weichen“ Begriffe und argumentieren ganz klar mit Fakten. Und die zeigen, wie sehr sich der innerstädtische Verkehr durch die Fahrradmobilität verbessern lässt. Für jede Zielgruppe bedarf es eben einer bestimmten Kommunikation und Sprache.

 

Hat das die Politik mittlerweile auch begriffen?

Ja. Die Politik hat das erkannt. In Berlin und in vielen anderen Landesregierungen werden ganz klar die enormen Potenziale der Fahrradmobilität gesehen. Nun gilt es, diese aber noch umzusetzen. Und auch auf Bundesebene gewinnt die Radverkehrsförderung an Bedeutung. 

 

Was ist also konkret zu tun?

Wir brauchen vor allem eine bessere Infrastruktur. Das aber ist ein Riesenproblem …

 

… weil das Geld fehlt?

Nein. Die nötigen finanziellen Mittel dafür sind nicht der einzige Grund. Momentan mangelt es schlicht an den nötigen Planungskapazitäten in der Verwaltung. 

 

Angesichts der beeindruckenden Marktzahlen – das Segment eBike ist innerhalb eines Jahres um 36 % gewachsen – könnte sich der Konflikt zwischen der Automobilität und den Radfahrern noch verschärfen.

Der öffentliche Raum ist in der Tat sehr begrenzt. Und wenn dann noch die E-Tretroller dazu kommen, dann wird es sicher eng auf dem Radweg. Das hängt allerdings sehr davon ab, mit wie vielen E-Tretrollern die großen Verleiher auf den Markt kommen. Da aber glücklicherweise nur die 20-km/h-Variante ab 14 Jahren zugelassen wurde, wird es keinen „Stau“ auf dem Radweg geben. Dennoch muss die Politik für eine umfangreiche und sichere Radinfrastruktur sorgen. Die ist wesentlich für den Erfolg der Fahrradmobilität - vor allem in der Stadt … 

 

…in der das Radfahren auf dem Radweg mitunter gefährlicher ist als auf der Straße.

Leider haben Sie Recht. Aber es gibt mit den sogenannten protected bike lanes eine sichere, günstige Möglichkeit, das Radfahren in der Stadt attraktiver zu machen. Davon müssten noch viel mehr eingerichtet werden. Anlässlich einer Parlamentarischen Fahrradtour in Berlin, an der wir von Seiten des ZIV vor kurzem teilgenommen haben, haben wir uns einige angeschaut. Nur eine Markierung auf der Straße hilft nicht. Wenn allerdings noch Poller die Radwege zur Straße hin abgrenzen, dann fühlen Sie sich als Radfahrer sicher.

 

Nochmals zurück zu der hohen Nachfrage nach eBikes. Schafft die Fahrradindustrie es überhaupt, den Bedarf zeitnah zu bedienen?

Sicher. Es war zwar nicht immer ganz einfach, auch haben Handel und Händler angeprangert, dass im Sommer quasi die „Produkte ausverkauft“ sind. Das aber bringt  ein so dynamisches Wachstum mit sich. Auf der anderen Seite hat dieser Umstand auch seine positiven Seiten. So haben wir im Prinzip nie Überkapazitäten, Restbestände oder Überbestände. Konkret: Wir haben sehr stabile Preise. Und die sind für Industrie und Handel sehr wichtig. 

 

Auch der Arbeitsmarkt profitiert vom Boom des eBikes? Wie viele Menschen sind denn derzeit im deutschen Fahrradhandel beschäftigt?

Wenn wir annehmen, dass rund 5000 Einzelhändler in Deutschland aktiv sind, die im Durchschnitt vier bis sechs MitarbeiterInnen beschäftigen, dann kommen wir auf rund 20.000 -30.000 Beschäftigte im Handel. Zusammen mit Industrie und Großhandel rechen wir mit ca. 50.000 Beschäftigten. Aber! Die Zahl ist nur geschätzt.

 

Angesicht der jüngsten Erfolge der Eurobike, dürfte die Zahl der Beschäftigten in den kommenden Jahren noch stark steigen.

Das erwarte ich auch. Ebenso erwarte ich zur diesjährigen Messe, dass das Thema Cargo-Bike – egal ob für den privaten oder den gewerblichen Anspruch – dort hohe Wellen schlagen wird. Mittlerweile gibt es im dem Segment sehr viele Anbieter.

 

Eine tolle Sache wäre es doch auch, wenn die Eurobike als Bindeglied zwischen der Automobilität und der Mikromobilität mehr Anerkennung  verdienen würde?

Auf jeden Fall. Im vergangenen Jahr wartete die Eurobike ja mit einem ganz neuen Konzept auf, das im Übrigen sehr gut angenommen wurde - auch hinsichtlich der Mikromobilität. Ein Blick in den Markt zeigt, dass das Thema enorm an Zuspruch gewinnt. Sowohl die Politik als auch der Endverbraucher wie auch die Hersteller machen sich Gedanken darüber, wie das Fahrrad, das eBike oder das Cargo-Bike als Lösung für die Letzte Meile genutzt werden kann. Die Eurobike wird dahingehend sehr spannend.

 

Herr Neuberger, herzlichen Dank für das Gespräch.

Andreas Burkert