Illegales Pedelec-Tuning: Ein hohes Risiko für Sicherheit, Technik und Geldbeutel

Pedelec-Tuning – Ein hohes Risiko für Sicherheit, Technik und Geldbeutel ©velotech.de
Pedelec-Tuning – Ein hohes Risiko für Sicherheit, Technik und Geldbeutel ©velotech.de

In Fahrradwerkstätten werden immer häufiger Pedelecs entdeckt, die mit Tuning-Boxen manipuliert wurden. Ein aktueller Werkstattfall mit einer SpeedBox 3.0 für Brose-Antriebe zeigt eindrucksvoll die Konsequenzen: Ein Kunde reklamierte einen Motorschaden als Gewährleistungsfall. Erst beim Auslesen des Antriebssystems stellte sich heraus, dass eine Tuning-Box verbaut war. Für den Kunden endete der vermeintliche Geschwindigkeitsgewinn mit einem kostspieligen Motorschaden.

Das gesamte Fahrzeug wird überlastet

Wer glaubt, dass beim Tuning lediglich der Motor etwas härter arbeiten muss, irrt sich gewaltig. Der Eingriff in die Steuerung hat massive Auswirkungen auf die gesamte Konstruktion des Zweirads.

 

Ernst Brust, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Mikromobilität, stellt klar: „Viele glauben, dass lediglich der Motor etwas stärker arbeiten muss. Tatsächlich wird jedoch das gesamte Pedelec außerhalb seiner konstruktiven Auslegung betrieben“.

 

Mit steigendem Tempo nehmen die Belastungen fast aller sicherheitsrelevanten Bauteile drastisch zu. Betroffen sind neben dem Motor und der Leistungselektronik auch der Akku, die Hinterradnabe, der Freilauf, Kette und Ritzel sowie der Rahmen, die Gabel, Lenker, Vorbau, Laufräder, Speichen, die Bremsanlage und die Reifen. Schon wenige Kilometer pro Stunde mehr bedeuten eine erheblich höhere Dauerbelastung. Da der Luftwiderstand mit der Geschwindigkeit quadratisch ansteigt, muss der Motor dauerhaft deutlich mehr Leistung bereitstellen, was zu extrem hohen Temperaturen führt.

 

Mehr Geschwindigkeit bedeutet rasanten Verschleiß

Ein auf über 30 km/h getuntes Pedelec besitzt gegenüber einem serienmäßigen 25-km/h-Modell eine weitaus höhere Bewegungsenergie. Diese zusätzliche Energie muss bei jeder Beschleunigung erzeugt und bei jeder Bremsung wieder abgebaut werden. Die logischen Folgen im Werkstattalltag sind höhere Motortemperaturen, beschleunigte Materialermüdung, ein extrem erhöhter Verschleiß von Kette und Ritzeln, eine stärkere Belastung von Hinterradnabe und Freilauf sowie eine gefährliche thermische Belastung der Bremsanlage. Die Lebensdauer sicherheitsrelevanter Bauteile verkürzt sich drastisch.

 

Moderne Diagnosesysteme erkennen die Manipulation

Moderne E-Bike-Antriebe speichern zahlreiche Betriebsdaten im internen Speicher. Werkstätten und Hersteller können diese Informationen detailliert auslesen und Manipulationen häufig eindeutig nachweisen. Ein besonders hilfreicher Parameter ist dabei der durchschnittliche Energieverbrauch in Wh/km.

 

Aus gutachterlicher Erfahrung gilt: Liegt der durchschnittliche Energieverbrauch über etwa 12 Wh/km, sollte das Fahrzeug genauer untersucht werden. Ein solcher Wert stellt keinen Beweis für ein Tuning dar, sondern einen technischen Anfangsverdacht. Ursache können beispielsweise auch häufige Bergfahrten, hohe Zuladung oder eine dauerhaft sportliche Fahrweise sein. Erst die Gesamtauswertung von Diagnosedaten, Fahrprofil, Sichtprüfung und gegebenenfalls weiteren technischen Untersuchungen ermöglicht eine belastbare Aussage.

 

Fliegt die Manipulation auf, können Hersteller Garantieansprüche verweigern. Bei der Gewährleistung wird geprüft, ob das Tuning ursächlich für den Schaden war – bei Motor- oder Elektronikschäden lässt sich dieser Zusammenhang technisch leicht nachweisen.

 

Forderung nach Gesamtfahrzeugprüfung

Für den Sachverständigen Ernst Brust greift die isolierte Betrachtung einzelner Komponenten zu kurz. Das Fahrrad muss zwingend als Einheit bewertet werden, da die veränderten Kräfte überall einwirken.

 

„Ein Pedelec ist ein Gesamtsystem. Wer die Motorunterstützung manipuliert, verändert die Belastung des gesamten Fahrzeugs. Deshalb müssen auch Sicherheitsbewertungen am verwendungsfertigen Gesamtfahrzeug erfolgen – nicht nur an einzelnen Komponenten.“

 

Brust fordert daher seit Jahren die Prüfung kompletter Pedelecs unter realitätsnahen Lastkollektiven auf freischwingenden Trommelprüfständen. Nur dort lassen sich die Auswirkungen erhöhter Antriebsleistungen auf Betriebsfestigkeit, Fahrerexposition und Produktsicherheit objektiv bewerten. Tuning-Boxen verändern das gesamte Belastungsspektrum und führen im schlimmsten Fall zu sicherheitsrelevanten Ausfällen auf der Straße.

 

www.velotech.de

 

Unsere Meinung:

Die scheinbar einfache Leistungssteigerung per Software oder Box mutiert beim genauen Hinsehen zum technischen und finanziellen Bumerang. Während der Fahrer den temporären Geschwindigkeitsrausch genießt, arbeiten Rahmen, Bremsen und Antrieb unbemerkt weit über ihrem Limit. Wenn moderne Diagnosetools den Betrug beim nächsten Service aufdecken, steht der Kunde vor den Trümmern seiner Garantieansprüche. Wer tunt, riskiert nicht nur ein teures Knöllchen oder Strafverfahren, sondern schlicht sein Leben auf einem überlasteten Materialgerüst.

 

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