Der Sommer lädt zu Touren in die Umgebung oder den wohlverdienten Radurlaub ein. Die Kombination aus Fahrrad und Eisenbahn klingt dabei auf dem Papier nach der perfekten umweltfreundlichen Lösung. In der Realität mutiert die Fahrt mit dem Zug jedoch viel zu oft zum nervenaufreibenden Glücksspiel. Ob überfüllte Mehrzweckabteile im Regionalverkehr oder ausgebuchte Stellplätze im ICE – wer mit dem Zweirad verreisen will, benötigt starke Nerven und eine verdammt gute Vorbereitung. Der ADFC hat zentrale Ratschläge zusammengestellt, wie der Ausflug dennoch gelingt und wann man besser einen Plan B in der Tasche hat.
Trotz steigender Nachfrage hinkt das Angebot an Stellplätzen der Realität hinterher. Das sorgt für Frust auf den Bahnsteigen, da gerade zu den Ferienzeiten die Kapazitätsgrenzen im Fern- und Nahverkehr regelmäßig überschritten werden.
Radtourismusexperte im ADFC-Bundesvorstand Christian Tänzler bringt das Problem auf den Punkt:
„Bahn und Fahrrad sind als Kombi ideal und eine echte Alternative zum Auto, um in den Radurlaub zu starten. Das zeigt auch unsere ADFC-Radreiseanalyse, wonach 37 Prozent der Radreisenden die Bahn zur Anreise nutzen. In der Praxis gibt es jedoch große Lücken. Vor allem die zu niedrigen Kapazitäten der Fahrradmitnahme im Fern- und saisonal auch im Nahverkehr bremsen den nachhaltigen Tourismus mit Fahrrad und Bahn aus. Die Fahrradmitnahme in der Bahn muss verlässlicher werden, damit die Mitnahme eines Fahrrads am Ende so einfach möglich ist wie das Mitführen eines Koffers.“
Taktik für den Nahverkehr: Timing und Bahnhofswahl
- Im Regionalverkehr existiert schlichtweg keine Mitnahme-Garantie. Wenn der Zug voll ist, bleibt das Rad am Bahnsteig.
- Um dieses Risiko zu minimieren, hilft vorwiegend das Meiden der klassischen Stoßzeiten. Unter der Woche sollte der Pendlerverkehr tabu sein, am Wochenende empfiehlt sich die Fahrt ganz früh morgens oder spät am Abend.
- Ein echter Geheimtipp ist die kluge Wahl des Einstiegsbahnhofs: Wer am Startbahnhof eines Zuges oder eine Station vor den großen Knotenpunkten einsteigt, hat deutlich bessere Karten auf einen freien Platz.
- Vor der Abfahrt lohnt zudem ein Blick in die Bahn-App, um die erwartete Auslastung zu prüfen und gegebenenfalls auf weniger frequentierte Strecken oder S-Bahnen mit höherer Taktung auszuweichen.
Am Bahnsteig und im Abteil
- Wenn der Zug einfährt, muss jeder Handgriff sitzen. Radler sollten sich frühzeitig im richtigen Gleisabschnitt positionieren und Packtaschen so vorbereiten, dass sie sofort abgenommen werden können.
- Im Wagen gilt: Den Einstiegsbereich zügig freimachen, Packtaschen demontieren, um Platz für andere Räder zu schaffen, und das Rad so sichern, dass niemand blockiert wird. Eine kurze Absprache mit den anderen Radfahrenden im Abteil verhindert Stress beim späteren Ausstieg.
- Wichtig für Nutzer von Spezialrädern: Lastenräder, Tandems oder Liegeräder werden im Nahverkehr aufgrund ihrer Baugröße in den allermeisten Fällen komplett von der Mitnahme ausgeschlossen.
Fernverkehr: Reservierungspflicht und das Gewichtsproblem
- Im ICE, IC oder EC ist die Mitnahme ohne vorherige Stellplatzreservierung unmöglich. Hier ist langfristige Planung Pflicht.
- Wer Verbindungen sucht, sollte das Fahrrad in der App direkt als Zusatz angeben, damit nur noch Züge mit freien Kapazitäten angezeigt werden.
- Umstiege sollten – wenn möglich – komplett vermieden werden, da defekte Aufzüge oder Verspätungen den Anschluss gefährden.
- Ist ein Umstieg unumgänglich, sollte die Umsteigezeit in den App-Einstellungen großzügig hochgesetzt werden.
- Ein oft unterschätzter Faktor ist das Gewicht: Moderne Pedelecs wiegen schnell über 30 Kilogramm. Da viele Fernzüge nur über Stufen zugänglich sind oder die Räder im Abteil vertikal aufgehängt werden müssen, muss man physisch in der Lage sein, diese Lasten selbstständig zu manövrieren.
- Fällt ein Zug aus, erlischt die Stellplatzbindung – Ersatzplätze im nächsten Zug gibt es nicht automatisch, weshalb der Nahverkehr oft als Plan B herhalten muss.
- Wer das Risiko komplett umgehen will, greift zum faltbaren Klapprad, das als kostenloses Handgepäck zählt, nutzt Leihräder vor Ort oder versendet das eigene Rad vorab per Kurier.
Unsere Meinung:
Die Tipps zeigen deutlich, dass die Kombination aus Rad und Schiene im aktuellen Zustand weit von einer komfortablen Selbstverständlichkeit entfernt ist. Ohne detaillierte Vorplanung, das Studieren von Auslastungsanzeigen und eine gehörige Portion Flexibilität droht der Fahrradausflug schon am Bahnsteig zu scheitern. Solange die Transportunternehmen die Stellplatzkapazitäten nicht massiv ausbauen, bleibt die umweltfreundliche Anreise im Tourismus ein Nischenprodukt für gut organisierte Optimisten.


Kommentar schreiben