Vollbremsung für die Verkehrswende: Deutschland verfehlt seine Radverkehrsziele krachend

ADFC kommentiert Halbzeitbilanz des Nationalen Radverkehrsplans © ADFC / Deckbar
ADFC kommentiert Halbzeitbilanz des Nationalen Radverkehrsplans © ADFC / Deckbar

Am Freitag hat das Bundesverkehrsministerium eine Zwischenevaluation zum Nationalen Radverkehrsplan 3.0 (NRVP) veröffentlicht. Die Bundesregierung hatte sich vorgenommen, die per Rad zurückgelegten Kilometer bis 2030 zu verdoppeln und flächendeckend im ganzen Land für attraktive und sichere Radwegenetze zu sorgen. Die Halbzeitbilanz ist jedoch ernüchternd. Das Papier offenbart ein handfestes Umsetzungsdefizit, das die ambitionierten Ziele der Bundesregierung in weite Ferne rücken lässt. Statt Fortschritt erleben Radfahrende im Alltag stagnierende Zahlen und gefährliche Lücken.

Die Zwischenbilanz zeigt unmissverständlich, dass punktuelle Einzelmaßnahmen kein funktionierendes Gesamtsystem ersetzen können. Nach wie vor klaffen große Lücken im Radwegenetz: in Städten, zwischen Kommunen und im ländlichen Raum. Die Verkehrsleistung, also die Kilometer, die mit dem Rad zurückgelegt werden, ist seit 2017 nur um 5,4 Prozent gestiegen. Damit ist die angestrebte Verdoppelung bis 2030 kaum noch zu realisieren. Auch die Fahrradnutzung insgesamt wächst deutlich langsamer als erforderlich. Besonders alarmierend für die Zukunft der Mobilität: Bei Kindern und Jugendlichen ging die Fahrradnutzung sogar zurück.

ADFC-Bundesgeschäftsführerin Dr. Caroline Lodemann © ADFC / Deckbar
ADFC-Bundesgeschäftsführerin Dr. Caroline Lodemann © ADFC / Deckbar

ADFC-Bundesgeschäftsführerin Dr. Caroline Lodemann findet deutliche Worte für das Versagen der Politik: „Vertrauen in Demokratie und politisches Handeln entsteht, wenn Ziele und Pläne verlässlich umgesetzt werden. Beim Nationalen Radverkehrsplan allerdings riskiert die Bundesregierung dieses Vertrauen. Sie stellt Dinge in Aussicht, die sie bislang nicht einlöst. Angekündigt waren flächendeckende und sichere Radwegenetze in den Städten und auf dem Land. Gekommen ist ein Flickenteppich aus vereinzelten Radwegeprojekten, aber kein verbindlicher Umsetzungsplan und keine langfristig verlässliche Finanzierung für ein zusammenhängendes Netz. Die Menschen merken das täglich auf der Straße. Stress, Frustration und Unfallzahlen steigen. Ein zentraler Grund dafür ist, dass Radfahrende auf unsicheren und unzureichend ausgebauten Wegen unterwegs sein müssen. Wir sind alarmiert vom schwachen Umsetzungsstand des Nationalen Radverkehrsplans und fordern einen Bund-Länder-Vertrag sowie eine verlässlich finanzierte Fahrradmilliarde vom Bund, um ein sicheres und gut ausgebautes Alltags-Radnetz in Deutschland endlich verbindlich voranzubringen. Zufriedene Verkehrsteilnehmer stärken das Vertrauen in die Demokratie – und das muss für die Nutzerinnen und Nutzer aller Verkehrsmittel gelten.“

 

Vision Zero in weiter Ferne: Steigendes Risiko statt maximaler Sicherheit

Der Nationale Radverkehrsplan verfolgt eigentlich das klare Leitbild der Vision Zero: Kein Mensch soll im Straßenverkehr getötet oder schwer verletzt werden. Doch die nackten Zahlen sprechen eine andere Sprache. Die Zahl der im Radverkehr getöteten Personen lag im Jahr 2024 mit 445 Todesopfern auf dem Niveau des Referenzjahres 2019. Das Ziel, die Zahl der im Straßenverkehr getöteten Radfahrenden bis 2030 um 40 Prozent zu reduzieren, wurde in der ersten Hälfte der Laufzeit nicht ansatzweise erreicht. Eine sichere Infrastruktur für alle Radfahrenden bleibt damit die dringlichste Aufgabe der Radverkehrspolitik. Auch an den Schnittstellen hakt es gewaltig: Die Intermodalität stagniert, wodurch echte Fortschritte bei der Verknüpfung von Fahrrad und öffentlichem Verkehr weitgehend ausbleiben.

 

Chronische Unterfinanzierung blockiert den Ausbau

Dass es nicht vorwärtsgeht, liegt primär am Geldhahn des Bundes. Rund 30 € pro Kopf und Jahr sollten für den systematischen Ausbau flächendeckender Radwegenetze zur Verfügung stehen – aktuell sind es nur 14 € und damit nicht einmal die Hälfte. Der Ausbau flächendeckender und für die breite Bevölkerung attraktiver Radwegenetze kommt auch deshalb nur schleppend voran.

 

Dr. Caroline Lodemann bilanziert die politische Misere wie folgt: „Deutschland verfehlt seine Radverkehrsziele – bei der Verkehrsleistung, bei der Verkehrssicherheit, bei der Fahrradnutzung von Kindern und Jugendlichen, bei der Intermodalität und bei den Investitionen. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis fehlender Verbindlichkeit, unzureichender Finanzierung und mangelnder politischer Konsequenz. Die verbleibende Laufzeit des NRVP bis 2030 reicht kaum noch aus, um die Versäumnisse der vergangenen Jahre vollständig aufzuholen. Umso wichtiger ist es, jetzt die richtigen Weichen zu stellen.“

 

Um die Blockade zu lösen, führt kein Weg an strukturellen Veränderungen vorbei. Es braucht zwingend einen verbindlichen Bund-Länder-Vertrag, in dem klare Ausbauziele für ein bundesweit abgestimmtes Radwegenetz und dessen kontinuierliche Anpassung festgeschrieben sind. Darin müssen außerdem klare Verantwortlichkeiten benannt und langfristig gesicherte Finanzierungs- und Qualitätsstandards vorgegeben sein. Eine verbindliche Monitoring- und Berichtspflicht soll künftig Fortschritte und Lücken beim Ausbau sichtbar machen. Ein solcher Vertrag muss den Ausbau bis 2030 steuern und die Weiterentwicklung des NRVP auch nach 2030 absichern, um den Radverkehr dauerhaft aus der politischen Sackgasse zu holen.

 

Zusammenfassung

  • Gegenstand: Zwischenevaluation des Nationalen Radverkehrsplans (NRVP) 3.0

  • Herausgeber: Bundesverkehrsministerium / ADFC-Einordnung

  • Investitionsvolumen aktuell: 14 € pro Kopf und Jahr (Soll: 30 €)

  • Verkehrsleistung Radverkehr: +5,4 % seit 2017

  • Unfallstatistik (2024): 445 Todesopfer im Radverkehr

  • Verfügbarkeit / Bezugsquellen: Der vollständige Bericht ist über das Bundesverkehrsministerium zugänglich

www.adfc.de

Kommentar schreiben

Kommentare: 0
1 Gilt für Lieferungen in folgendes Land: Deutschland. Lieferzeiten für andere Länder und Informationen zur Berechnung des Liefertermins siehe hier: Liefer- und Zahlungsbedingungen
2 inkl. MwSt.