Gabelbruch bei Lasten-Pedelecs: Warum komplette Fahrräder geprüft werden müssen – nicht nur Einzelbauteile

Gabelbruch bei Lasten-Pedelecs: Warum komplette Fahrräder geprüft werden müssen – nicht nur Einzelbauteile / Quelle: www.velotech.de
Gabelbruch bei Lasten-Pedelecs: Warum komplette Fahrräder geprüft werden müssen – nicht nur Einzelbauteile / Quelle: www.velotech.de

Die aktuelle Safety-Gate-Warnmeldung der Europäischen Kommission (SR/00094/26) zu elektrischen Lastenfahrrädern der Marke AddBike macht erneut deutlich: Die sicherheitstechnische Prüfung einzelner Bauteile reicht nicht aus. Entscheidend ist die Prüfung des verwendungsfertigen Gesamtfahrzeugs unter realistischen Belastungen.

Bei den betroffenen Modellen („Family“, „Junior“, „Pro“, „U-Cargo Lite“) kann es während der Nutzung zu einem Bruch der Fahrradgabel kommen. Die Folge: plötzlicher Kontrollverlust und hohes Sturz und Verletzungsrisiko. Alle Chargen sind betroffen; die Produkte wurden EU-weit zurückgerufen.

 

Gabelversagen ist kein isoliertes Bauteilproblem

„Eine Fahrradgabel versagt nicht im Labor, sondern im System“, erklärt Ernst Brust, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Mikromobilität.

 

„Entscheidend ist nicht nur die statische Festigkeit der Gabel, sondern die Gesamtbelastung des Fahrzeugs im Fahrbetrieb.“

 

Gerade bei elektrischen Lastenrädern wirken auf die Gabel kombinierte Lasten, die in reinen Bauteilprüfungen häufig nicht ausreichend abgebildet werden:

  • Bremskräfte (insbesondere Vollbremsungen mit hoher Zuladung),
  • dynamische Impulse durch Fahrbahnunebenheiten,
  • Massenkräfte aus Last, Aufbau und Antrieb,
  • Lastverschiebungen bei Frontladekonzepten.

Diese Belastungen überlagern sich zeitgleich und können zu hochdynamischen Spannungszuständen führen, die weitüber einfache Prüfannahmen hinausgehen.

 

EN 15194 verlangt mehr als Bauteilnachweise

Die Safety-Gate-Meldung stellt ausdrücklich fest, dass die betroffenen Fahrzeuge nicht den Anforderungen der EN 15194 sowie der Maschinenrichtlinie entsprechen.

 

„Das ist ein klares Signal“, so Brust. „Die Norm verlangt eine sicherheitsorientierte Gesamtbetrachtung des Fahrzeugs– nicht nur Prüfprotokolle einzelner Komponenten.“

 

In der Praxis zeigt sich jedoch immer wieder:

  • Bauteile werden isoliert geprüft,
  • reale Fahrzustände werden unterschätzt,
  • und die Wechselwirkung von Bremse, Fahrwerk, Rahmen und Last bleibt unzureichend bewertet.
  • Lastenräder sind hochbelastete Fahrzeuge

Elektrische Lastenräder sind keine „verstärkten Fahrräder“,  sondern hochbelastete Fahrzeuge mit eigenem Risikoprofil.

 

Bremsmanöver mit Zuladung erzeugen extreme Biegemomente an Gabel und Steuerrohr – insbesondere in Kombination mit elektrischer Unterstützung und hohen Fahrzeugmassen.

 

„Wer nur die Gabel prüft, prüft am Problem vorbei“, betont Brust.

„Sicherheitsbewertung muss am verwendungsfertigen Fahrrad ansetzen – inklusive Bremsen, Reifen, Masseverteilung und dynamischer Impulsbelastung.“

 

Fazit: Systemprüfung statt Symbolprüfung

Der Fall AddBike ist kein Einzelfall, sondern ein grundsätzliches Warnsignal für die Branche. Für Hersteller, Prüfinstitute und Marktüberwachung gilt:

  • Gesamtfahrzeugprüfungen sind unverzichtbar
  • Dynamische Belastungen müssen realistisch angesetzt werden
  • Lastenräder benötigen eigenständige Prüf- und Bewertungsmaßstäbe

Nur so lassen sich sicherheitskritische Versagensfälle wie Gabelbrüche zuverlässig vermeiden – bevor Produkte auf den Markt kommen.

 

Quelle: PM velotech.de / Ernst Brust

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