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Vom Drahtesel zum smarten E-Bike / Interview mit Hauke Niemann

Impression von der Böttcher Hausmesse 2017 // © Böttcher Fahrräder
Impression von der Böttcher Hausmesse 2017 // © Böttcher Fahrräder

Hauke Niemann leitet seit 25 Jahren Böttcher Fahrräder, eines der renommiertesten Unternehmen in Schleswig-Holstein. Er hat die Entwicklung vom Drahtesel zum smarten Bike mitgestaltet und mit der Agentur Team Code Zero ein sehr persönliches Gespräch geführt. Er gibt Einblicke in die Zukunft des Fahrrads und verrät, welches Fahrrad er zum Beispiel Angela Merkel empfehlen würde. Zudem erklärt er, warum er auf Pendix setzt, der (fast) jedes Rad zum E-Bike machen kann.


„KEIN FAHRRAD KOMMT ZWEIMAL VOR“

 

Hauke Niemann ist geschäftsführender Gesellschafter von Böttcher Fahrräder, das Unternehmen ist eine der führenden Fahrradmanufakturen in Deutschland. Der studierte Agrarwissenschaftler ist seit über 25 Jahren in der Branche tätig und selbst begeisterter Radfahrer. Er hat die Entwicklung vom Drahtesel zum smarten Bike nicht nur miterlebt, sondern auch mitgestaltet. Böttcher Fahrräder sind allesamt individuell konfiguriert, das Heider Unternehmen achtet besonders auf die Qualität der Komponenten. Team Code Zero hat mit ihm über Fahrräder gesprochen und ihn gefragt, wie er die Entwicklung der Fahrradbranche sieht.  

 


Hauke Niemann - geschäftsführender Gesellschafter von Böttcher Fahrräder
Hauke Niemann - geschäftsführender Gesellschafter von Böttcher Fahrräder

Aller Anfang ist schwer. Wie haben Sie eigentlich Fahrradfahren gelernt? 

Meine Schwester hat versucht, mir das Fahrradfahren beizubringen, indem sie mich auf einem eigentlich viel zu großen Rad angeschoben hat und mich dann eine leichte Anhöhe hat runter rollen lassen. Am Ende des Weges war eine Stallwand, in der ich dann meist gelandet bin, da ich die Kurve nicht hinbekam. Irgendwann habe ich es dann aber geschafft und konnte fortan Rad fahren. Und wie Sie sehen, hat mich das Thema nachhaltig gepackt.

 

Hand aufs Herz. Wie viel Fahrrad fahren Sie heutzutage? 

Leider zu wenig. Ich komme nur am Wochenende dazu, und auch nicht an jedem. Im Jahr komme ich etwa auf 600-1000 Kilometer im Jahr. Mit Elektroantrieb. In Schleswig-Holstein gibt es die tollsten Strecken entlang der Ostsee, die radel ich gern mit meiner Frau ab, das finden wir herrlich. Am besten finde ich Strecken, auf denen einem kein Auto entgegenkommt, davon haben wir hier oben jede Menge.  

 

 

In Ihren 25 Jahren in der Fahrradbranche hat sich viel verändert. Was waren die größten Umbrüche in der Fahrradbranche, seit Sie eingestiegen sind? 

Die erste große Veränderung war sicherlich die Einführung des Mountainbikes. Das war sportlich, das war cool und innovativ. Und es hat ganz neue Bereiche erschlossen. Auch Schaltungen, Beleuchtung und Bremsen sind in den letzten 25 Jahren sehr stark weiterentwickelt worden. Jetzt haben wir E-Bikes. Ein Ende des Booms ist nicht abzusehen. 

 

Wie haben denn E-Bikes das Geschäft bei Böttcher verändert?

Das Geschäft ist deutlich anspruchsvoller geworden. Verkäufer und Techniker müssen technisch versierter sein. Auch der Servicebedarf ist erheblich höher. Die Beratungsintensität ist in diesem Segment viel größer. Das kommt dem Fachhandel natürlich sehr entgegen. So richtig erfolgreich im E-Bike-Geschäft kann man eigentlich nur sein, wenn man eine gewisse Breite anbietet, was auf der anderen Seite wieder erhöhte Liquidität erfordert. Wir verbauen ab Werk verschiedene Antriebe, u. a. auch Pendix, der sich als Nachrüstantrieb bereits einen Namen gemacht hat und auch im Einzelhandel verkauft wird.

 

 

Warum haben Sie sich für den Antrieb von Pendix entschieden? Was unterscheidet Pendix von anderen Herstellern?

Das Schöne am Pendix System ist, dass es sehr clean ist. Keine Kabellage, kein Display etc. Lediglich der Antrieb fällt etwas größer aus. Der Akku ist formschön als Trinkflasche getarnt. Das prädestiniert diesen Antrieb für den urbanen Sektor, in dem es auf Reduzierung und Minimalismus ankommt. 

 

Wie Pendix produziert Böttcher in Deutschland. In Asien würde es sicher billiger gehen. 

Sicher hatte auch ich schon mal den Gedanken, die Produktion in Billiglohnländer zu verlegen, allerdings ist das bei unserer Struktur gar nicht möglich. Wir bauen Fahrräder individuell nach Kundenwunsch auf. Das bedeutet: Kein Fahrrad kommt zweimal vor. Kein Montagebetrieb kann diese Vielzahl verschiedener Möglichkeiten vorhalten, wenn er nicht auch einen Teilegroßhandel hat. Diese Variante ist mir bisher in Asien noch nicht begegnet. Außerdem würde kein Käufer 5-6 Monate warten, bis sein Fahrrad endlich aus Asien ankommt. 

 

Individualisierte Produkte sind ja ohnehin überall Trend. Bestellen denn die Kunden tatsächlich sehr unterschiedliche Räder?

Tatsächlich, ja. Durch den Konfigurator ergeben sich so viele Möglichkeiten, sich sein spezielles Fahrrad zusammenzusetzen, dass wirklich jedes Rad anders ist. Manchmal sind sogar wir überrascht, was für tolle Varianten da zustande kommen. 

 

Welches Rad würden Sie für unsere Bundeskanzlerin zusammenstellen, wenn sie eines für ihren Sommerurlaub in Südtirol bestellen würde?

Ich denke, Frau Merkel würde ein komfortables Rad vorziehen. Ich würde als Basis ein Trekkingrad aus unserem Programm nehmen und die restlichen Komponenten mit ihr gemeinsam nach ihren Wünschen abstimmen.

 

Welche Veränderungen in der Fahrradbranche prognostizieren Sie für die nächsten Jahre?

Ich denke, dass die E-Mobilität noch stärker wird und einen Marktanteil von 25 bis 30 % erreichen wird. Die Städte stehen kurz vor dem Kollaps, Parkplätze sind knapp, Staus an der Tagesordnung. Hier wird es zu einem Umdenken kommen. Kurzstrecken werden immer häufiger mit dem Rad erledigt werden, bereits jetzt sieht man viele Lieferdienste auf Fahrrädern.

 

Das Fahrrad gibt es jetzt seit knapp über 200 Jahren. Werden Menschen auch in 100 Jahren noch mit dem Fahrrad fahren? 

Ja, auf jeden Fall! Das Fahrrad ist ein so tolles Produkt, da es viele Aspekte vereint: Mobilität, Freizeit, Gesundheit, Sport, Bewegung, Natur. All diese Punkte werden das Fahrrad auch in 100 Jahren noch attraktiv machen

 

 

Eine gute Fee gewährt Ihnen drei Wünsche für die Fahrradwelt. Was wünschen Sie sich?

Gutes Radfahrwetter, bessere Fahrradinfrastruktur in den Städten, aber auch auf dem Land, und noch mehr technische Innovationen.

 

 



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