Nachhaltigkeit funktioniert Busch & Müller: Friendly Family

Im Sauerland produziert busch+müller Beleuchtung und Spiegel für Zweiräder. Sehr erfolgreich und so nachhaltig wie möglich. Dabei denkt man beim 100-jährigen Familienunternehmen an Umwelt und Sozialverantwortung – aber auch an Effizienz und Umsatz.

Fahrrad fahren ist umweltfreundlich.

Fahrräder oder Fahrradteile herstellen meist weniger. Oft zeigt sich das schon beim Blick auf lange Lieferketten oder kunststoffreiche Umverpackungen. Im sauerländischen Meinerzhagen macht es ein Hersteller anders. Denn traditionelle Familienunternehmen können nicht nur konservativ: „Das Thema 'Nachhaltigkeit' ist deutlich vielschichtiger, als es sich sogar manche Brancheninsider vorstellen. Man kann schon viel machen“, sagt Guido Müller, Geschäftsführer des Unternehmens in dritter Generation „auch wenn der Einstieg selbst eine Herausforderung war“, gesteht er. Eine, die das Unternehmen schon vor Jahren gemeistert hat. Nachhaltigkeit in Sachen Material ist hier „friendly“: „Freundlich“ heißt das Zauberwort für Produkte, die unter einem besonders nachhaltigen Fokus entwickelt und vertrieben werden. Dabei wird das Konzept der Nachhaltigkeit in Meinerzhagen eher als Verantwortung für die Zukunft gesehen. Es umspannt eine breite Range von Energie- und Ressourcen-Effizienz über Design und Herstellung der Produkte bis hin zur Arbeitskultur und Logistik. Greenwashing hört sich deutlich anders an, wie wir auch sehen werden. busch+müller ist bei den Radherstellern ein häufig gewählter Zulieferer, obwohl asiatische Ausstatter oft zu niedrigeren Preisen anbieten können. Doch Zuverlässigkeit und Lebensdauer überzeugen. Und fallen ebenso unter den Faktor

Nachhaltigkeit: Je länger ein Produkt funktioniert, desto seltener muss es gegen ein neues ausgetauscht werden.

Essbare Scheinwerfer?

„Wo möchten wir mit dem nachhaltigen Produkt eigentlich hin?“, diese Frage stellte sich vor drei Jahren Jan Minke, als er

als Leiter in das Projekt „friendly-Scheinwerfer“ einstieg. „Klar war, wir wollen nicht nur auf Kunststoffe aus Öl verzichten. Wir wollen alles“, meint er selbstbewusst lächelnd. Heißt: „Es sollte Kunststoff sein, der nach seiner Lebenszeit auch biologisch abbaubar ist.“ Dazu kommen je nach Funktion noch weitere Materialeigenschaften: Wie gut ist das Material in Form zu spritzen? Wie weich, hart, elastisch oder spröde ist es? Ist die Farbe dauerhaft? Welche Temperaturen hält es aus? Der Projektleiter wird zum Forscher und Rechercheur. „Man braucht Know-how und steckt viel Zeit hinein!“ Letztendlich basieren die entwickelten Materialien übrigens auf einer bestimmten Art Stärke, die aus Mais oder Zuckerrohr gewonnen werden kann. Noch ist das Scheinwerfer-Gehäuse aus Bio-Kunststoff nur ein

Bestandteil des Produkts. „Viele Bausteine sind heute nicht durch nachhaltigere ersetzbar“, Minke verweist vor allem auf die Elektronikbauteile in aktuellen Fahrradscheinwerfern. „Aber man muss den ersten Schritt gehen, auch wenn das zunächst nur die halbe Wahrheit ist“, ist auch CEO Müller überzeugt. Deshalb

gibt es heute zum Beispiel den IQ-XS friendly, einen Fahrrad- Scheinwerfer mit satten 80 Lux Leuchtstärke – so hell, dass man ihn früher eher mit Autoscheinwerfern als mit Fahrradlicht in Verbindung gebracht – und dem kompostierbaren Gehäuse. Mittlerweile ist das Projekt als solches abgeschlossen. Das bedeutet nicht das Ende von friendly, sondern vielmehr, dass die Möglichkeit, abbaubare Bio-Kunststoffe zu verwenden, bei neuen Entwicklungen schon grundsätzlich geprüft wird. 

Nachhaltig nach DIN

Traditionell ist hier außerdem der Materialkreislauf in der Spritzguss-Produktion mit Regranulaten. Bedeutet: Der Spritzguss-Abfall, vor allem der Anguss in den Spritzmaschinen, wird wieder zu Granulat gemahlen und verwertet. So vermeidet man eine Menge Kunststoffabfall. Der Herstellungsprozess selbst? Sehr energieintensiv. „Wir beziehen aus Wasserkraft gewonnenen Ökostrom“, so Müller, „und sparen damit 850 Tonnen CO2 ein.“ Zusätzlich gibt es Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern der Unternehmensgebäude in Meinerzhagen, damit wird derzeit bis zu 7 Prozent des Strombedarfs abgedeckt. In Euro ausgedrückt ein satter Betrag. Weiteres Highlight in der Nachhaltigkeits-Liste: Die Abwärme der Spritzgussmaschinen wird zur Beheizung der Gebäude verwendet, erklärt uns Florian Kiesler, Qualitäts- und Umweltmanagement-Beauftragter bei busch+müller. „Ein Teil der Verwaltung und der Produktionshallen wird damit beheizt.“

Natürlich sitzt Nachhaltigkeit auch in vielen versteckten Bereichen. „Alles, was wir an den Gebäuden einmal anpacken mussten, wurde nach und nach neu gedämmt“, so Kiesler. Das Prozedere wurde auch durch die Zertifizierung nach ISO 14001 angestoßen, die Kiesler bei busch+müller leitend begleitet hat.

„Viele Unternehmer sehen bei einer solchen Zertifizierung ihres Umwelt-Managementsystems nur die Kosten – und natürlich sind die vorhanden“, erklärt Kiesler. „Aber die Vorteile sind mittel- und langfristig deutlich größer“, sagt er lächelnd. Wie kann das sein? Zum einen kommt über die Jahre einiges an

Einsparungen zusammen. Die offensichtlichen: Energiekosten, Heizkosten, Lichtstrom, auch durch umfassende Umrüstung auf verbrauchsgünstige LED-Beleuchtung, Senkung des Materialverbrauchs und andere direkte Kosten. Man spart aber auch in Prozessen: „Durch die Arbeiten zur Zertifizierung

werden alle Vorgänge und Abteilungen durchleuchtet. Man erkennt sofort Einsparpotenziale.“ Die ISO 14001 umfasst beinahe den ganzen Betrieb; das geht von der Herstellung über die Arbeitssicherheit bis hin zur Verpackung der Produkte. Die ist bei busch+müller seit Jahren Blister- und damit kunststofffrei. Als klaren Vorteil der Zertifizierung kann man auch die Audits sehen, die jährlich anfallen: „Durch sie sind wir schneller an den Zahlen und Daten, die wir brauchen. Das bedeutet, dass wir

manche Entscheidung früher und genauer treffen können.“ Das kann Zeit und Geld sparen. Genauso wie die ständige Optimierung der Produktionsprozesse, die durch die Zertifizierung angeregt wird. „Da ich auch heute noch mehrmals im Monat mit der DIN ISO 14001 zu tun habe, bin ich immer schnell in vielen Daten-Themen 'drin'“, so der Qualitätsbeauftragte. 

Soziale Verantwortung

Andere klassische Nachhaltigkeits-Maßnahmen sind in Meinerzhagen so selbstverständlich, dass der Chef sie fast zu erwähnen vergisst. Familienfreundliche Arbeitszeiten und Verhältnisse etwa. Oder, dass möglichst nur regional eingekauft wird. Das Unternehmen hegt und pflegt sein über 100 Jahre gewachsenes Partner-Netzwerk in der Region. Man setzt auf kurze Wege und das Vertrauen, das man zusammen aufgebaut

hat. „Zusammen“ gibt auch das Stichwort zur klassischen sozialen Verantwortung, CSR: Bei einer Rede vor den 250 Mitarbeitern sagte Müller den Satz „ich möchte keinen einzelnen von euch verlieren!“ Und er nimmt die damit erklärte Verantwortung für die Belegschaft ernst. Denn trotz der hartnäckigen Krise, die nach der Pandemie die ganze Fahrradbranche erfasste, gelang es busch+müller, alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu halten. Nachhaltigkeit kann durchaus auch Sicherheit bedeuten. Und Erfolg – sogar in schwierigen Zeiten. Mit dem gemeinsamen Vertrauen darauf, dass zuverlässige Qualität heute immer noch ein Erfolgsgarant

ist. Denn: „Wir können nicht billig, aber wir können gut“, sagt Müller selbstbewusst mit spitzbübischem Lächeln.

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