
Manchmal frage ich mich, wie wir früher eigentlich Rad gefahren sind. Also so ganz ohne 4K-Drohnenbegleitung, farblich auf den Rahmen abgestimmte Bio-Riegel und eine Community, die jeden gefahrenen Meter mit einem digitalen Herzchen quittiert. Wer heute auf zwei Rädern unterwegs ist, scheint oft weniger am Vortrieb als an der perfekten Belichtung der Wadenmuskulatur interessiert zu sein. Willkommen in der Ära der Fahrrad-Influencer, wo das Schaltwerk erst dann wirklich glänzt, wenn der passende Filter darüberliegt.
Es ist ein faszinierendes Phänomen: Da quälen sich hunderte Hobbysportler den Pass hinauf, nicht etwa für die Aussicht oder das Endorphin-High, sondern für das „Reel“. Oben angekommen wird nicht etwa nach Luft geschnappt, sondern das Smartphone gezückt. „Authentizität“ nennt man das dann, wenn man nach dem zehnten Take endlich so erschöpft aussieht, dass es für die Follower glaubwürdig wirkt.
Ich beobachte dieses bunte Treiben auf den Radwegen der Nation mit einer Mischung aus Amüsement und fachlicher Skepsis. „Es ist schon beeindruckend“, bemerke ich kopfschüttelnd, während ich mein vollkommen analoges Rennrad an die Wand lehne, „dass manche heute mehr Zeit mit der Auswahl ihrer Aero-Socken verbringen als mit der Pflege ihrer Kette. Wir haben früher Schweiß vergossen, heute vergießt man Tränen, wenn das GPS-Signal im Funkloch stirbt und die Fahrt bei Strava nicht existiert. Wer nicht postet, der nicht fährt – das scheint das neue physikalische Grundgesetz zu sein.“
Doch bei allem Spott: Die „Insta-Biker“ haben das verstaubte Image des Radsports weggeblasen wie ein kräftiger Rückenwind. Dank ihnen wissen wir nun, dass Gravel-Bikes ohne eine am Lenker befestigte Tasse Espresso eigentlich gar nicht funktionieren und man unter 5000 Euro Anschaffungspreis quasi im Stehen fährt.
„Am Ende des Tages“, resümiere ich mit meinem typischen Augenzwinkern, „ist es gänzlich egal, ob die Socken zum Helm passen oder das Video 10.000 Likes bekommt. Wichtig ist nur, dass man den Hintern aufs Sattelleder bekommt. Aber bitte: Wenn ihr schon das perfekte Foto macht, nehmt wenigstens die Sonnenbrille vom Helm, bevor ihr losfahrt. Das ist nämlich kein Aero-Vorteil, das ist einfach nur ein modisches Hilfegesuch.“
In diesem Sinne: Kette rechts, Handy in die Trikottasche und einfach mal die Landschaft genießen – ganz ohne Filter.
Ihre Gisela Delgado

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