
Da sitzen wir nun am Dienstagmorgen. Vorgestern Abend ist in Verona das olympische Feuer erloschen, die italienischen Tenöre haben ihr letztes „Vincerò“ geschmettert, und plötzlich wirkt mein Wohnzimmer seltsam leer. Zwei Wochen lang habe ich so getan, als verstünde ich die physikalischen Feinheiten des Curlings und als wäre Skibergsteigen die einzig logische Antwort auf alle Mobilitätsfragen der Menschheit. Ich habe mit Athleten mitgelitten, die sich in hautengen Anzügen Eiskanäle hinunterstürzen, bei denen mir schon beim Zuschauen der Ischiasnerv freundlich „Guten Tag“ sagt.
Aber ich sage Ihnen, wie es ist: Mein Fernseher hat heute Sendepause. Während die Welt noch Medaillen zählt und die norwegische Dominanz im Skilanglauf analysiert, juckt es mich bereits ganz woanders. Ich habe die Fernbedienung mit einer entschlossenen Geste in die Schublade verbannt und stattdessen die Luftpumpe gezückt. Es war ja ganz reizvoll in Mailand und Cortina, aber mal ehrlich: Wer benötigt schon ein Skeleton-Board, wenn er ein Gravel-Bike haben kann? Der einzige Unterschied ist doch, dass wir auf dem Asphalt weniger weit rutschen, dafür aber deutlich mehr Charakter in Form von Schürfwunden zeigen.
Der Übergang ist für mich fließend. Während die Wintersport-Elite noch die Koffer packt, rolle ich meine Reifen aus dem Keller. Jetzt, wo der Biathlet sein Gewehr weglegt, greife ich wieder zur Trinkflasche. Wissen Sie, der wahre olympische Geist zeigt sich für mich ohnehin nicht bei einer Siegerehrung mit Pathos, sondern sonntags morgens an der Ampel, wenn die lokale Rentnergruppe auf ihren hochgezüchteten E-Bikes versucht, meinen Rennrad-Club im Zielsprint zur Bäckerei zu schlagen. Das ist der Stoff, aus dem Legenden – und ordentliche Oberschenkelkrämpfe – gemacht sind.
Ich spüre es förmlich: Mein Post-Olympia-Blues wird gerade vom ersten Vorfrühlingshauch weggeweht. Ich tausche die Thermounterwäsche gegen Lycra und die Zeitlupe im TV gegen die echte Geschwindigkeit im Fahrtwind. Wer braucht schon eine Goldmedaille vom IOC, wenn er den ersten sonnigen Kilometer des Jahres ohne Gefrierbrand an den Zehen absolvieren kann?
Mailand war gestern. Heute ist meine Hausrunde. Und für die gibt es zwar kein Edelmetall, aber dafür das erste Eis an der Tankstelle. Und glauben Sie mir: Das schmeckt definitiv besser als jede Bronzemedaille – und es klebt auch deutlich weniger am Gaumen.
Wir sehen uns auf der Piste!
Ihre Gisela Delgado

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