Herausforderung im Ländle

Fotos: Ludwig Berchtold/Bregenzerwald Tourismus
Fotos: Ludwig Berchtold/Bregenzerwald Tourismus

Die vielen Rennrad-Möglichkeiten, die das Bundesland Vorarlberg zu bieten hat, reichen von entspannten Touren an den Bodensee und grenzüberschreitenden Runden nach Deutschland, Liechtenstein und in die Schweiz, bis hin zu wahren Königsetappen über traumhafte Alpenpässe mit mehreren tausend Höhenmetern.

Seit vielen Jahren schon betreiben meine Frau und ich mit Leidenschaft den Rennradsport und haben dabei viele schöne Alpenpässe überquert. Ein gänzlich weißer Fleck auf unserer persönlichen Landkarte ist immer noch das Bundesland Vorarlberg. Eine ganz bestimmte Tour lockt uns nun endlich in den äußersten Westen von Österreich – die 3-Pässe-Fahrt in der Rennradregion Bregenzerwald.


Spät abends sind wir gestern im Alpen Hotel Post in Au angekommen und haben uns noch von Christian Reich, dem Chef des Hauses, eine genaue Tourenbeschreibung geben lassen. 106 Kilometer Streckenlänge und rund 2.600 Höhenmeter werden unseren aktuellen Trainingszustand auf die Probe stellen, sollten aber machbar sein. Am reichhaltigen Frühstücksbuffet fällt es uns nicht schwer, die Energiespeicher für die geplante Runde ordentlich anzufüllen.


Von Au geht es zunächst nur leicht ansteigend nach Schoppernau, bald wird es aber steiler, und bereits nach fünf Kilometern heißt es kräftig in die Pedale treten am Weg zum Hochtannbergpass. Fast 900 Höhenmeter liegen schon hinter uns, als wir uns gut gelaunt in die erste Abfahrt stürzen. Dieses Vergnügen währt allerdings nur kurz, denn hinter dem berühmten Nobelskiort Lech am Arlberg geht es wieder bergauf Richtung Flexenpass. Auch dieser Berg ist rasch bezwungen – nun heißt es Rücklicht an und durch die Flexengalerie hinab ins wunderbare Klostertal. Christian hat uns gestern noch den wertvollen Tipp mit der Lampe gegeben. Gerade im Tunnel wird man sonst von Autofahrern leicht übersehen. Parallel zur Arlberg-Schnellstraße führt uns die längste Abfahrt des Tages durch die Orte Klösterle und Dalaas bis nach Bludenz. Wir finden ein kleines Café im Zentrum der Stadt und beschließen, eine Mittagspause einzulegen. Cappuccino und Kuchen schmecken großartig, die Sonne scheint vom strahlend blauen Himmel – es fällt schwer, sich wieder auf den Sattel zu schwingen. Für die nötige Motivation sorgt vor allem die grandiose Landschaft. Im Klostertal ragen links und rechts die Berge bis zu 2.000 Höhenmeter auf und sorgen für die Kulisse, die man sich von einer Rennradtour über Alpenpässe erwartet.


Mehr als die Hälfte der Strecke haben wir zwar bereits geschafft, es stehen aber noch jede Menge Höhenmeter auf dem Programm. Auch Christian hat uns leise vorgewarnt, dass der härteste Streckenabschnitt erst nach Bludenz auf uns zukommen würde, wenn es durch den Biosphärenpark Großes Walsertal retour nach Au geht. Nach 500 schweißtreibenden Höhenmetern erreichen wir die Anhöhe in der Ortschaft Raggal und stellen fest, dass diese Tour eigentlich 4-Pässe-Fahrt heißen müsste. Das ist das Problem, wenn man in einem Alpenland unterwegs ist – Hügel, wenn sie auch noch so steil und kräfte­raubend sind, gelten hier einfach nicht als Pass und schon gar nicht als Berg. Ein Blick auf den Fahrrad-Computer verrät uns, dass jetzt immer noch 750 Höhenmeter vor uns liegen. Glücklicherweise leisten die Beine eine hervorragende Arbeit, wir finden abermals einen guten Rhythmus und bewältigen die Kehren hinauf zum Faschinajoch ohne Probleme. Nun haben wir also auch die letzte Bergwertung des Tages erfolgreich absolviert. Was jetzt noch folgt, ist pures Abfahrts-Vergnügen. Vorbei an den Liftanlagen des Skigebietes Damüls genießen wir den finalen Downhill nach Au bei überaus zügigem Tempo und beenden die 3-Pässe-Fahrt über drei Berge und einen Hügel am Alpen Hotel Post.


Die Form stimmt also, und wir haben noch eine weitere Nacht gebucht. Eine kleine Steigerung wäre morgen noch drin. Wieder beraten wir uns mit Gastgeber Christian Reich, der – wie könnte es anders sein – prompt den nächsten Vorschlag parat hat. Die „Tannheimer Tal“-Runde ist bei gleicher Höhenmeter-Anzahl deutlich länger als die heutige Tour, was bedeutet, dass mehr Flachpassagen zu erwarten sind. Außerdem führt sie in eine ganz neue Richtung und erst ganz am Ende treffen wir am Hochtannbergpass auf bekanntes Terrain. Herausforderung angenommen!


Um auch morgen wieder bestens vorbereitet an den Start zu gehen, drehen wir gleich noch eine zweite Runde am Salatbuffet und lassen uns anschließend das delikate 5-Gang Abendmenü schmecken, welches in Kombination mit einem Glas Rotwein eine ganz besondere Gaumenfreude darstellt.


Pünktlich um 8.30 Uhr rollen wir vom Alpen Hotel Post aus gemütlich hinab nach Mellau und weiter über Andelsbuch bis nach Egg. Mit dem 1.406 Meter hohen Riedbergpass steht nun der erste und gleichzeitig auch längste Anstieg des Tages auf dem Programm. Wir fühlen uns gut, die Beine sind locker, die gestrige Tour hat scheinbar keinerlei Nachwirkungen hinterlassen. Von Hittisau führt ein wunderbares Hochtal über die Grenze nach Deutschland und weiter zur Passhöhe. Überraschend steil präsentiert sich die Abfahrt auf Allgäuer Seite. Auch wenn zum Glück keine engen Kehren zu durchfahren sind, bin ich froh, in diesem Jahr auf eine Bremsscheibe umgestiegen zu sein. Meine Frau hat mit dem deutlich geringeren Körpergewicht und ihrer ausgezeichneten Fahrtechnik sowieso kein Problem mit diesem Streckenabschnitt. Im Tal angekommen, geht es vorbei an der Burg Sonthofen ins Zentrum des gleichnamigen Ortes und anschließend wieder hinauf zum Oberjoch und wieder zurück nach Österreich, genauer gesagt ins Bundesland Tirol. Das Tannheimer Tal ist erreicht, am Haldensee zeigt der Tacho bereits 100 Kilometer an. Der Magen knurrt, und mittlerweile lässt auch die Beinmuskulatur erste Ermüdungserscheinungen erkennen. Wir absolvieren noch die kurze Abfahrt ins Lechtal und legen in Weißenbach eine ausgedehnte Mittagspause ein. Wie schon gestern, so herrschen auch heute wieder frühsommerliche Temperaturen – es hat einfach Qualität, wenn man im kurzen Rennrad-Dress im Gastgarten sitzen kann.


Die nun folgenden 55 Kilometer geht es stets bergauf, zunächst noch gemächlich, dem Lech folgend, bis Steeg und danach immer steiler bis zum Dach der Tour am Hochtannbergpass. Auf meinem Radcomputer sehe ich, dass ich immer noch ein gutes Tempo fahre, aber locker fühlt sich das keineswegs mehr an. Die Beine schmerzen, der Schweiß läuft mir über das Gesicht, allein die Berge und meine Frau sind es zum wiederholten Male, die mich motivieren und antreiben. Das Schöne an den Alpenpässen ist, dass man auf den letzten Kilometern, für gewöhnlich keine Anzeige mehr braucht. Die Straßen sind vollgeschrieben mit den Namen der Rennfahrer, die entweder kürzlich diese Bergwertung unter sich ausgemacht haben oder dies in Bälde tun werden. Dazu findet man auch Angaben zu den noch verbleibenden Metern zum „Gipfel“. Noch 500 m, noch 200 m, noch 100 m – geschafft! Wir halten kurz inne, blicken über die traumhafte Region im Grenzland zwischen Tirol und Vorarlberg und freuen uns auf eine rasante Abfahrt zurück zum Ausgangspunkt in Au.


Für den nächsten Aufenthalt im Bregenzerwald werden wir definitiv mehr Zeit einplanen. Die vielen Möglichkeiten, die diese Rennrad-Region in Vorarlberg zu bieten hat, reichen von entspannten Touren an den Bodensee und grenzüberschreitenden Runden nach Deutschland, Liechtenstein und in die Schweiz, bis hin zu wahren Königsetappen über traumhafte Alpenpässe mit mehreren tausend Höhenmetern. Mit Sicherheit lassen sich damit gleich mehrere Urlaubswochen füllen.

 

Text: Martin Budweiser, Fotos:  Ludwig Berchtold/Bregenzerwald Tourismus

 

 

 

Hoteltipps:

 

Bregenzerwald: www.bregenzerwald.at

 

Alpen Hotel Post: www.alpenhotel-post.com

 

Roadbike Holidays: www.roadbike-holidays.com

 

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