Städte für Menschen bauen, nicht für Autos

Cyclescapes: Prof. de Rudder © ADFC/ReneFilippek
Cyclescapes: Prof. de Rudder © ADFC/ReneFilippek



Resümee der Fachtagung "Cyclescapes" von ADFC, UBA und Stiftung Bauhaus


Auf der Fachtagung „Cyclescapes – Radfahren und Raumgestalt“ diskutierten Architekten, Planer und Mobilitätsexperten in Dessau, wie lebenswerte Städte im 21. Jahrhundert aussehen – und welche Rolle darin das Radfahren und Zufußgehen spielen.



Aus Pferdekutschen wurden einst Autos. Städte und Dörfer wurden autogerecht umgestaltet. Oberstes Ziel der Städteplanung seit den 1950er Jahren war es, Raum für möglichst schnellen motorisierten Verkehr zu schaffen. Zum Opfer fielen Lebensqualität, Gemächlichkeit, Kommunikation. Erst seit wenigen Jahren wird diese Konzept kritisch hinterfragt - seit Großstädte den Verkehrsinfarkt erleben und Menschen die Entfremdung und gesundheitlichen Risiken in ihren Städten nicht mehr akzeptieren.


Ideal: 20-Minuten-Wege
Andreas Feldtkeller, Stadtplaner aus Tübingen, betonte die sozialen und kulturellen Aufgaben der Stadt. Eine Stadt ist nicht nur zum „Shoppen, Erleben, für Verwaltungsgänge und teures Wohnen“ da, so Feldtkeller. Vielmehr solle sie „Kontakt und Anregung schaffen, vielfältiges Quartierleben ermöglichen“ und der Segregation, also der Trennung unterschiedlicher Lebensstile, entgegenwirken. Das Ideal sei die „Stadt der kurzen Wege“. Wohnen, Versorgen, Arbeit und Freizeit sollten in weniger als zwanzig Minuten zu Fuß zu erreichen sein. Die Wertschätzung des Zufußgehens und Radfahrens darf sich nicht in minimalistischen Markierungen auf den Straßen erschöpfen, sondern muss im gesamten Straßenraum sichtbar gemacht werden, so Feldtkeller.
 
Fahrrad entlastet kollabierende Großstädte
ADFC-Bundesgeschäftsführer Burkhard Stork machte die Dringlichkeit der Mobilitätswende deutlich: „In Stoßzeiten kommt der Verkehr in den Großstädten fast zum Erliegen. 10 bis 15 Stundenkilometer schaffen Autofahrer zur Hauptverkehrszeit in den europäischen Metropolen im Durchschnitt, weniger als die meisten Fahrradfahrer. Das lässt die Transportkosten für Wirtschaftsgüter dramatisch steigen, das ruiniert das Verkehrsklima und die Nerven der Menschen. Es ist keine Spinnerei zu glauben, dass das Fahrrad hier deutliche Entlastung bringen kann. Nicht nur die Fahrradnationen Dänemark und Niederlande zeigen, dass es geht. Auch Paris und London haben sich auf den Weg gemacht, dem Verkehrsinfarkt mit kräftigen Investitionen in den Radverkehr zu begegnen. Dass das nicht ohne Abstriche zum Beispiel bei Parkflächen geht, ist vollkommen klar.“
 
Mobilitätsmix in den Blick nehmen
Steffen de Rudder, Vertretungsprofessor der Bauhaus-Universität Weimar, sprach sich für einen integrierten Stadtplanungsansatz aus. Das Auto sei in den Deutschen tiefer kulturell verwurzelt, als sie selber ahnten. Auch werde es das Fahrrad allein nicht schaffen, die Verkehrsprobleme zu lösen. Ein integrierter Ansatz für öffentlichen Personennahverkehr, Fußgänger und Fahrradfahrer sei der richtige Weg, lebenswerte, menschenfreundliche Städte für die Zukunft zu planen. Auch de Rudder ist der Überzeugung, dass der Platz dafür in erster Linie durch Umwidmung von Flächen für den ruhenden Verkehr frei werden muss – also durch die Abschaffung von Parkplätzen. Den Hovenring in Eindhoven, das Fahrradparkhaus am Utrechter Hauptbahnhof und den neugestalteten Bahnhof Norreport in Kopenhagen stellte er als bereits sichtbare Landmarken zukunftsfähiger urbaner Konzepte vor.
 
Sabine Kluth, Architektin und stellvertretende Bundesvorsitzende des ADFC, richtete ihre Zusammenfassung an alle Fahrrad-Engagierten: Fahrrad-Förderung sei nicht isoliert, sondern als Teil der Mobilitätförderung in Stadt und Land zu betrachten. Im Dialog mit Verkehrspolitikern gehe es auch darum, Bilder von lebenswerten Städten zu entwerfen – nicht nur um DIN-Normen und technische Richtlinien für den Radwegebau. Ziel sei die gemeinsame Konzeption einer menschengerechten Stadt. Dem Radfahren komme hier eine herausragende Bedeutung zu.         
 
Die gemeinsame Fachtagung von ADFC, Umweltbundesamt und Stiftung Bauhaus fand aus Anlass der 35. Bundeshauptversammlung des ADFC am 7. November in Dessau statt. Angemeldet waren über 100 Personen. Trotz GDL-Streiks war die Veranstaltung ein voller Erfolg. Dem rbb-Inforadio war es eine Glosse wert, dass die Delegierten des weltgrößten Radfahrerverbandes gezwungen waren, mit dem Auto aus dem ganzen Bundesgebiet zur Hauptversammlung anzureisen. „Kein Problem“, sagte ADFC-Bundesvorstand Ludger Koopmann, „wir sind ganz normale Menschen, die ihr Verkehrsmittel je nach Notwendigkeit intelligent auswählen. Und außerdem war's ja für einen guten Zweck!“
 

Cyclescapes ADFC Bundesgeschäftsführer Burkhard Stork  © ADFC/Rene Filippek
Cyclescapes ADFC Bundesgeschäftsführer Burkhard Stork © ADFC/Rene Filippek

Kommentar schreiben

Kommentare: 0