Und wir alle glauben: So ist das eben!

Die Evolution des Mitgefühls (Quelle: www.sein.de)

 

Der pessimistische Blick auf die Welt lässt wenig Raum für Hoffnung. Der Mensch, so scheint es und so haben wir es gelernt, ist ein selbstsüchtiges, hinterhältiges und über alle Maßen aggressives Lebewesen.

 

In diesem Blickwinkel mutet es als reines Glück an, dass der Homo sapiens bisher weder den Planeten in Schutt und Asche gelegt hat, noch durch fortdauernden Krieg und rücksichtsloses Morden den Untergang seiner eigenen Spezies herbeigeführt hat. Allerdings könnte beides auch noch eintreffen – hunderttausende von Tierarten hat er schließlich schon vernichtet und der Planet ist immerhin schwer krank.

 

Glauben wir verschiedenen Vertretern der Evolutionstheorie, dann ist das nicht verwunderlich – die Natur ist eben so: ein blutiger Kampf von allen gegen alle, in dem nur der stärkste überlebt. Jeder ist nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht, es gilt das Gesetz der Konkurrenz, das „Überleben des Bestangepassten“, wie Darwin es nannte. Wie von einem unterbewussten Wahn getrieben, stehen wir alle in einer rücksichtslosen Fortpflanzungs-Konkurrenz.

 

Auf dieser Maxime beruht eigentlich unsere ganze Gesellschaft: Konkurrenz ist der Leitfaden unseres Zusammenlebens. Schon in der Schule lernen wir, uns zu messen und zu vergleichen, spätestens im Arbeitsleben sind wir dann mittendrin im Selektionsprozess. Unsere Wirtschaft, unsere Politik: Alles Konkurrenzsysteme, in denen man dem anderen nicht trauen kann, die „Konkurrenz“ gehört besiegt. Gelächelt wird nur zum Schein. Und wir alle glauben: So ist das eben.

 

Aber so ist es eben nicht.

 

 

Die Evolution der Kooperation

 

Der Affe ist das kooperativste und sozialste Wesen, das wir kennen und dies ist kein Fehler der Natur. Der Fortpflanzungskampf der einzelnen Individuen ist nämlich nur der halbe Teil der Geschichte. Der andere ist, dass viele Spezies allein dadurch Erfolg haben, dass sie so kooperativ sind. Wo das Überleben des Einzelnen nur durch das Überleben der Gruppe gewährleistet ist, bilden sich automatisch soziale Fähigkeiten. Denn je einfühlsamer die Teilnehmer eine Gruppe miteinander umgehen, desto tiefgreifender ihre Kooperation. Damit ist die Fähigkeit des Mitgefühls keineswegs ein Unfall der Evolution, sondern ein entscheidender Evolutionsvorteil. Tatsächlich hat die Idee eines rücksichtslosen Kampfs ums Überleben nur wenig mit der Realität zu tun. In Wirklichkeit gedeihen Spezies, die in Gruppen leben sogar hauptsächlich aufgrund ihrer Fähigkeit zu kooperieren, abzuwägen und mitzufühlen.

 

Es mag sein, dass Gene egoistisch sind, aber es hat sich im Falle der Primaten herausgestellt, dass es am egoistischsten ist, zu einem gewissen Grad selbstlos zu sein. Im Tierreich ist es so, dass ein völlig selbstloses Individuum in einer Gruppe wenig Chancen hat, aber eine Gruppe von Egoisten gar keine. Eine Erkenntnis, die sich auch die Menschheit zu Herzen nehmen sollte: Eine Gruppe aus selbstsüchtigen Individuen hat keine Überlebenschance. Wilson und Wilson haben dies in „The Quarterly Review of Biology“ folgendermaßen zusammengefasst: „Selbstsucht schlägt Selbstlosigkeit innerhalb von Gruppen. Selbstlose Gruppen schlagen selbstsüchtige Gruppen. Alles andere ist Kommentar.“

Empathie ist unsere Natur

 

Die Fähigkeit zur Empathie ist älter als unsere Spezies, sie ist ein Urtrieb, der ebenso sehr zu unserer Natur gehört, wie der Drang zu überleben. In seinem Buch „The Age of Empathy: Nature’s Lessons for a Kinder Society“ trägt der Primatologe Frans de Waal unzählige Anekdoten und Studien zusammen, die beweisen, dass selbstloses Verhalten bei Primaten keine Ausnahme, sondern die Regel ist. Es gehört zu uns, wie unsere Instinkte.

 

„Wir sind programmiert zu helfen. Empathie ist eine automatische Reaktion, über die wir nur wenig Kontrolle haben. Wir können sie unterdrücken, mental abblocken oder darin versagen nach ihr zu handeln, aber ausgenommen eines winzigen Prozentsatzes an Menschen – bekannt als Psychopathen – ist keiner immun gegen die Situation eines anderen“, so de Waal.

 

Die Neurobiologie hat ebenfalls gezeigt, dass prosoziale Menschen tatsächlich von Natur aus gut sind: Sie werden von einem automatischen Moralgefühl angetrieben und kooperieren instinktiv. Auch hier ging unsere konkurrenz-basierte Wissenschaft bisher davon aus, dass prosoziale Menschen ihre selbstsüchtigen Tendenzen mit Hilfe ihres präfrontalen Kortex aktiv unterdrücken. Auch die Genetik hat mittlerweile nachgewiesen, dass Empathie und Mitgefühl in unseren Genen verankert sind.

 

Damit ist die bisher geltende Auffassung widerlegt, wonach Menschen ausschließlich auf ihren eigenen Nutzen aus sind. Mitgefühl ist das Endprodukt der Evolution selbstloser Gruppen, an deren Spitze der Mensch steht. Wir sollten verstehen: Der Mensch ist nur deshalb so sensationell erfolgreich, weil er gelernt hat, zu kooperieren und er wird nur solange erfolgreich sein, wie er fortfährt zu kooperieren. Und Empathie ist unsere Natur.

 

 

Zeitalter der Kooperation

 

Dass Konkurrenz eine Realität ist, kann natürlich nicht von der Hand gewiesen werden, sie existiert in der Natur aber nur im Rahmen einer übergeordneten Kooperation. Man könnte der Ansicht sein, dass der Mensch noch immer dabei ist, sein kooperatives Potenzial zu entfalten. Evolutionär gesehen sind wir als Spezies langfristig nur dann wirklich überlebensfähig, wenn wir unsere Fähigkeit zu kooperieren auf den gesamten Planeten ausgedehnt haben. Ein Affe weiß nichts über ökologische Zusammenhänge und er braucht es auch nicht wirklich. Der Mensch mit seiner zerstörerischen Macht hingegen ist sowohl in der Pflicht als auch in der Lage, sich als Teil eines Gesamtsystems zu begreifen, mit dem er notwendig kooperieren muss. Denn mit dem Ökosystem in Konkurrenz zu treten, wie wir es derzeit tun, muss notwendig den Untergang unserer Spezies bedeuten. Evolutionär stehen wir damit zwangsläufig vor dem nächsten Schritt unserer Kooperationsfähigkeit.

 

Auch die Geschichte des Menschen könnte man als eine Entwicklung immer größerer Kooperation lesen. Bekriegten sich am Anfang noch einzelne Stämme und Familien, waren es später Fürstentümer, Königreiche und schließlich Nationen. Immer größer wurden die Kooperationen und Bezugsgruppen. Heute sind es nunmehr ganze Kontinente und Kulturkreise, die miteinander im Kampf liegen. Gleichzeitig war eine geeinte Welt noch nie so nah wie heute.

 

Sieht man es so, scheint das Muster klar. Ganz so klar ist es aber leider nicht, da es immer noch überlagert wird, von einer Konkurrenz-Ideologie, die uns seit Jahrhunderten begleitet. Noch immer mit einem Bein in der Wildnis hat der Mensch bisher seine Tendenz zu konkurrieren überbetont und die Fähigkeit des Mitfühlens und Kooperierens zum Teil willentlich verdrängt. Nicht umsonst galt Mitgefühl für Männer lange Zeit als Zeichen von Schwäche. Auch wissenschaftlich ist die Erkenntnis einer Evolution der Empathie noch eine relativ neue, die mehr als ein Jahrhundert lang von den Wissenschaftlern geleugnet und ignoriert wurde, obwohl zum Beispiel Peter Kropotkin schon früh darauf hinwies.

 

Für den Menschen gibt es keinen Grund mehr zu konkurrieren. Die Wildnis, mit der wir kämpfen, erzeugen wir uns längst nur noch selbst – wir brauchen nur damit aufzuhören. Die Rückbesinnung auf unsere Fähigkeit zur Kooperation, das Zulassen von Mitgefühl in seiner ganzen Dimension und die Erkenntnis der Einheit auf einer spirituellen Ebene sind die logischen nächsten evolutionären Schritte für die Menschheit.

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