Klein und dick - was kann B+?

WTB fertigt B+ Felgen und B+ Reifen.
WTB fertigt B+ Felgen und B+ Reifen.

 Schon wieder quetscht sich ein neuer Standard auf den Markt: B+ vereint 27,5 Zoll mit dem Fatbike. Die schlechte Nachricht: Es funktioniert fantastisch.


Eigentlich eine gute Idee, aber sie kommt zwei Jahre zu spät.“ So reagierte ein Hersteller auf B+. Was war passiert? B+ begann ganz harmlos. Ein Kunde wollte ein spezielles Reise-Mountainbike. Jetzt wird das Ergebnis von WTB in Serie gefertigt: eine besonders breite 650b-Felge mit einem 2,8 Zoll dicken Breitreifen, der ein 29er Fahrwerk erfordert. Es ist also kein umwälzend neuer Standard wie 27,5 Zoll, 29 Zoll, 29+ oder Fatbike. Trotzdem kann man nicht sorglos verbauen, was möglich ist: Die Kombination unseres Nevinci-Testbikes aus B+ mit der Fox-Gabel funktioniert zwar fantastisch, ist aber von Fox nicht zugelassen. Erlaubt sind nur 29er Felgen (!) in 29er Gabeln und höchstens 2,4 Zoll dicken Reifen. Auch der 29er-ähnliche Außendurchmesser des B+ Laufrads ändert dies. Auf Nachfrage erklärte uns Fox‘ Marketingmanager Chris Trojer, dass man mit ausreichendem Raum zwischen Reifen und Gabelkrone zwar nicht zwingend Unfälle provoziere, aber die Gewährleistung für die Gabel erlösche in jedem Fall.
Unsere Testlaufräder haben vorne eine Felge mit mächtigen 40 Millimetern Maulweite und hinten eine normal breite Felge. Leichtbaufans mit 90er Jahre Fahrrad-Sozialisation könnten eine kleine Sensation wittern: vorne breit und hinten schmal widerspricht dem Leicht-und-Stabil-Kompromiss der Vergangenheit. Wenn schon unterschiedlich breite Felgen, dann waren diese bisher vorne schmal und hinten breit. Dies war sinnvoll, weil das Hinterrad den größten Teil des Fahrergewichts trägt und bei Sprüngen viel stärker belastet wird als das Vorderrad.
Die breite Vorderfelge aber soll nicht die bereits völlig ausreichende Stabilität sondern die Traktion erhöhen. Wenn man so will, so ist B+ quasi die Abkehr vom Leichtbau-Dogma, ähnlich wie alle großen Laufräder im Vergleich zu 26 Zoll.

Fahrwerk: Nevinci 29er Rahmen und Fox 29er Gabel mit WTBs B+ Vorderrad.
Fahrwerk: Nevinci 29er Rahmen und Fox 29er Gabel mit WTBs B+ Vorderrad.

Was bietet B+?


Mehr Auflagefläche, mehr Traktion, mehr Kontrolle, mehr Sicherheit. Weil die breite Felge die profilierte Fläche des Reifens nicht so stark wölbt wie eine schmale Felge. So besteht mehr Kontakt zwischen Reifen und Boden. Außerdem sitzt ein Reifen mit geringem Luftdruck auf breiten Felgen sicherer als auf schmalen Felgen.  
Das ist besonders am Mountainbike sinnvoll, denn hier spürt man die unterschiedlichen Aufgaben von Vorderrad und Hinterrad stärker als bei jedem anderen Fahrrad. Das Vorderrad überträgt Lenkkräfte und den Großteil der Bremskraft. Das Hinterrad überträgt die Antriebskraft. Wenn hinten die Traktion abreißt, dann kann man einen Sturz oft mit dem Fuß abfangen, üblicherweise passiert kaum mehr als ein Sturz auf die Hüfte. Rutscht aber das Vorderrad weg, so kann man auf den Kopf stürzen. Wer das nicht glaubt, der kann ja mal mit plattem Vorderreifen um die Kurve fahren.
Die großzügige Traktion sorgt auch für einen hohen Grenzbereich beim Bremsen. Das Vorderrad blockiert auf Schlamm und Schotter recht spät und bleibt lange gut steuerbar. Nur allzu viel Schlamm sollte man dem Trailblazer-Reifen nicht zumuten, denn mit fast durchgehendem Mittelstreifen und kleinen, dicht beieinander sitzenden Stollen ist das Bergab-Potential des Reisereifens natürlich begrenzt.
Warum also die schmale Felge hinten? Weil nicht jeder Hinterbau breit genug ist. So verschenkt WTB etwas Traktion, aber dafür passt das Laufrad in quasi jeden Hinterbau. Und dort muss es ja auch nicht so komplexe Dinge leisten wie ein Vorderrad.
Weiterhin vermuten wir, dass der breite Reifen am Hinterrad in Kombination mit Dreifach-Kurbeln im ersten Gang die Kette streifen könnte. Und Dreifach ist noch lange nicht erledigt, weil elektronische Schaltungen das Umwerferproblem eliminieren. Sei es drum: B+ passt in viele 29er Rahmen und Gabeln, ist also als Tuningmaßnahme bei Beachtung der Gewährleistung interessant.

Die breite Felge wölbt den Reifen nur gering. Der Vorteil: mehr Auflagefläche zwischen Reifen und Boden und damit mehr Traktion.
Die breite Felge wölbt den Reifen nur gering. Der Vorteil: mehr Auflagefläche zwischen Reifen und Boden und damit mehr Traktion.

Die Marktchancen


Was aber, wenn dafür extra Rahmensets mit breiterem Hinterbau entwickelt werden? Indirekt bestätigt hat das bereits ein sehr wichtiger Hersteller, der aber nicht namentlich genannt werden will. Das Potential von B+ schätzen viele jedenfalls hoch ein. Manche trauen B+ gar zu, dass es sich als Standard durchsetzt. Im Mountainbike-Schlaraffenland Albstadt schätzt der Werkstattleiter Marcel Gebhardt B+ Bikes als Spaßgeräte ein, die normalen Mountainbikes auf Touren und in Training und Wettkampf unterlegen sind. Und wenn Gebhardt irrt und B+ ähnlich wie 650b gegen den anfänglichen Widerstand vieler Kunden in den Markt gedrängt wird?
Das wäre ein Problem.
Vor allem sind es Händler, die befürchten, dass sie ihre Kunden mit ständig neuen Standards überfordern und dass die Lagerung immer schwieriger wird. Außerdem werden vermeintlich veraltete Standards wie 26 Zoll fast unverkäuflich. 650b droht dann das gleiche Schicksal. „Sollte sich B+ als Standard durchsetzen, dann wäre das für uns als Fachhändler riskant“, so Gebhardt. Die Positionierung des Geschäfts würde schwieriger werden, weil man sich spezialisieren sollte, aber einen großen Standard nicht einfach ignorieren kann, ohne Kunden zu verlieren. Das erklärt die Skepsis im Eingangssatz: B+ mag das bessere 650b sein, aber als Standard etablieren kann es sich nur, wenn es die Kunden akzeptieren. Fachhändler Michael Heckmaier aus Oberstdorf stellt bei seinen Kunden fest, dass sie zwar 29 Zoll akzeptieren, aber jeder weitere Standard auf immer weniger Akzeptanz stößt. „B+ mag seine technischen Vorteile haben. Das ist aber unseren Kunden nicht so wichtig, dass sie sich gleich das nächste Mountainbike kaufen“, sagt Heckmaier. Ähnlich schätzt Peter Kattus vom Heidelberger Händler Heidelbike die mangelnde Kundenakzeptanz ein, während Martin Birkhofer, Werkstattleiter von Wildrad in Wildpoldsried die technischen Vorteile hoch einschätzt. Hinter vorgehaltener Hand haben uns einige wichtige Hersteller Mid-Season-Bikes fürs Frühjahr angekündigt. 




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